Mit zitternden Händen knalle ich die Wohnungstüre zu, sogar so stark, dass die Bilderrahmen an den Wänden anfangen zu wackeln. Wütend und schnaufend zugleich, versuche ich erstmal zu Atem zu kommen, denn mein Asthma meldet sich nach den vielen Stufen. Selbst Schuld. Ich musste ja unbedingt in eine Dachgeschosswohnung im vierten Stock ziehen! Während meine Wenigkeit vornübergebeugt ihre Arme auf die Beine stützt und vor sich hin schnaubt, rollen Tränen der Enttäuschung meine Wangen hinab. Diesmal hat sie den Vogel komplett abgeschossen. Und mit "sie" ist meine Mutter gemeint. Diese Frau versteht mich einfach nicht! Wie oft muss ich ihr denn noch erklären, dass es mir körperlich beschissen geht, auch wenn organisch alles in Ordnung ist. Mittlerweile sitze ich mit dem Rücken an die Türe gelehnt und habe es geschafft, meine Atmung mehr oder weniger so zu kontrollieren, dass ich nicht mehr das Gefühl habe, wie eine sterbende Robbe zu klingen. Andauernd kommt sie mir an mit: "Immer hast du was anderes. Guck mal lieber, dass du Arbeiten gehst!" Wie denn bitte, wenn mir mein Körper in den ungünstigsten Momenten einen Strich durch die Rechnung macht? Somatoforme Störungen lautet die Diagnose übrigens, die ich ihr beim nächsten Besuch liebevoll auf den Tisch klatschen werde. Mit anderen Worten, psychosomatische Störungen, die sich bemerkbar machen, sobald ich mich in einer stressigen oder überfordernden Situation befinde. Diese sorgten dafür, dass ich 2017 ein halbes Jahr lang mit einem Reizmagen zu kämpfen hatte und unter anderem deswegen mein Studium in Germanistik und Keltologie abbrechen musste. Innerlich zucke ich bei diesem Gedanken zusammen, denn ich wollte unbedingt studieren und mir selber beweisen, dass ich im Gegensatz zu meiner Familie etwas großes erreichen kann. Mein Ehrgeiz alleine hat dafür anscheinend nicht ausgereicht und somit zerplatzte mein Traum, Lektorin zu werden in klitzekleine Teile. Der Drang, den Kontakt zu meiner Mutter abzubrechen, wird immer größer. Was habe ich denn erwartet? Dass sie mich in die Arme nimmt und tröstende Worte für mich übrig hat? Ha, dass ich nicht lache! Jetzt habe ich mich endlich so weit beruhigt, dass ich vorsichtig aufstehen und in die Küche gehen kann, um mir dort einen Tee zu kochen. Vielleicht geht es mir danach etwas besser. Meine Jacke und Tasche hänge ich an die Garderobe und werfe im Flur einen Blick in den Spiegel. Die Worte "Du bist zu dünn!", hallen in meinem Kopf wider. Dünne Spaghetti Arme hängen an beiden Seiten meines Körpers locker herab sowie Storchenbeine, die versuchen nicht unter der Last meines Gewichts zusammenzubrechen. Ne, das wird nicht passieren. Dafür wiege ich tatsächlich viel zu wenig. Insgesamt zwanzig Kilogramm unter dem Normalgewicht. Ein lautes Klacken lässt mich zusammenzucken. Das heiße Wasser ist fertig. Wenn ich schon daran scheitere, mir etwas anständiges zu Essen zu kochen, weil mir dafür die Kraft fehlt, dann wenigstens Tee oder Kaffee. Um den Kommentaren mancher Menschen zu entgehen, verstecke ich mich in meiner Wohnung oder in viel zu großen Klamotten. Schon in der Schule musste ich mir immer wieder anhören, wie hässlich ich doch bin. Diese Monster haben mich zugrunde gerichtet und es gab niemanden, dem ich hätte alles erzählen geschweige denn anvertrauen können. Seit der Corona-Krise bin ich noch seltener vor die Türe gegangen, weil ich Angst davor hatte, mich anzustecken. Spoiler-Alarm: letztes Jahr musste ich tatsächlich in Quarantäne und hatte zum Glück leichte Erkältungssymptome. Dennoch habe ich Menschen noch mehr gemieden als sonst, da viele von ihnen ihr wahres Gesicht gezeigt haben. Darauf konnte ich getrost verzichten! Nach all den Erfahrungen in meinem bisherigen Leben, bin ich viel vorsichtiger und misstrauischer geworden. Ich weiß mich leider nicht zu wehren, weshalb mir die Opferrolle zu oft zum Verhängnis wird. Im Gehen halte ich plötzlich inne und merke, dass sich meine Bauchschmerzen wieder bemerkbar machen. Mir ist bewusst, dass die Schmerzen Begleitsymptome vom Stress der letzten Wochen sind. Bisher liefen meine Arztbesuche immer folgendermaßen ab: Mein Körper meldet sich mit schmerzenden Symptomen, der Arzt führt ein Anamnesegespräch mit mir durch und untersucht mich. Danach heißt es immer: "Mit Ihnen ist alles in Ordnung. Sie sind gesund!" Es wurde nicht ein einziges Mal danach gefragt, ob ich in der letzten Zeit Stress hatte oder wie es mir psychisch geht. Beim Reizmagen konnte wenigstens während der Magenspiegelung festgestellt werden, dass es sich dabei tatsächlich um eine bakterielle Infektion handelte, die mit der Überforderung des Studiums zusammenhing. Ist doch klar, dass sich kaum einer traut, über sein seelisches Wohlbefinden zu sprechen. Mir ist soeben die Lust auf den Tee vergangen. Stattdessen schleppe ich mich auf die Couch, schlinge meine Arme um die Beine und stütze mein Kinn auf die angezogenen Knie. Mir ist nach Heulen zumute. Ich stoße einen tiefen Seufzer aus, der sich endlos in die Länge zieht. Wie oft musste ich mich in meinem Leben schon erklären, wenn nicht sogar rechtfertigen? Vor allem gegenüber meiner Familie. Wieso glaubt mir keiner, dass es mir extrem schlecht geht? Das sind keine Ausreden, um nicht arbeiten gehen zu müssen oder um die angebliche Faulheit heraushängen zu lassen. In diesem Moment prasselt alles auf mich ein. Ich fühle mich so einsam und leer. Zu oft habe ich mich in den Schlaf geweint und mir eine Mutter herbeigesehnt, die auch für mich da ist. Anstatt voller Selbstbewusstsein durch das Leben zu gehen, werde ich von Unsicherheiten und Ängsten begleitet, die mich extrem einschränken. Am Leben teilzunehmen, wie viele andere Menschen, fällt mir unfassbar schwer. Zu Hause ist meine sichere Komfortzone, da kann mir nichts passieren. Draußen muss ich gezwungenermaßen mit fremden Menschen agieren, vor deren Reaktionen ich mich fürchte. Nicht mal sogenannte Freunde interessieren sich für den geistigen Zustand meinerseits. Es herrscht immer peinliches Schweigen, sobald das Thema seelische Gesundheit aufkommt. Brauche ich solche "Freunde"? Nein! Was das betrifft, wurde einige aussortiert, deren Gesellschaft mir nicht zusagt. Eine einsame Wölfin. Genau das bin ich!
Dieser Gedanke gefällt mir nicht. Ich möchte nicht für immer alleine bleiben, obwohl es
früher nicht anders war. Sowohl Liebe als auch Schutz- und Geborgenheit sind
Fremdwörter für mich. Wurde nicht genug damit genährt, als dass ein gesunder Mensch
hätte aus mir werden können. Ich hatte nirgendwo einen festen Platz und war für nichts
und niemanden gut genug. Alle wollten mich irgendwie verändern, kritisierten an mir
herum, gaben mir das Gefühl nichts wert zu sein. Mit vierzehn Jahren hatte ich das erste
Mal Suizidgedanken. Mittlerweile beträgt mein Alter achtundzwanzig. Was hat mich am
Leben gehalten? Meine Feigheit und mein Stolz. Diese dunklen Gedanken verfolgen
mich schon mehrere Jahre. Sie saugen sämtliche Glücksgefühle aus mir heraus. Ich
komme mir langsam vor wie ein wandelndes Trinkpäckchen. Nur, dass es keine
Möglichkeit gibt, meine Reserven aufzufüllen. Zumindest sehe ich das so. Zu meinen
Bauchschmerzen gesellen sich jetzt auch noch Kopfschmerzen. Kein Wunder, bei all den
Grübeleien! Geknickt lasse ich mich zur Seite fallen und versuche ein Nickerchen zu
machen. Schlaf ist mein einziger Trost. Solange keine Albträume dabei sind, die mir die
traurige Realität meines Lebens vor Augen führen. Ja, diese Art von Selbstmitleid geht
mir selber auf die Nerven. Es passiert relativ häufig, dass sich Müdigkeit und
Erschöpfung gleichermaßen melden und ich für den Rest des Tages für nichts mehr zu
gebrauchen bin. Erst schlafen und später Tee trinken. Klingt nach einem guten Plan!
Mit einer heißen Tasse Tee in den Händen haltend, mache ich es mir auf dem Fensterbrett
gemütlich und schaue aus diesem hinaus. Draußen tobt ein starker Wind, der Blätter in
leuchtenden Orange und Rottönen von den Bäumen reißt. Es ist Herbst, meine
zweitliebste Jahreszeit. Ich liebe es, draußen spazieren zu gehen und die Blätter unter
meinen Schuhen rascheln zu hören, mich mit Heißgetränken unter die Decke zu kuscheln
und dabei zu lesen sowie mich von dem gemütlichen Flair einmummen zu lassen. Von
der schönen Herbstdekoration, die an einigen Häusern zu finden ist, ganz zu schweigen.
Der Herbst symbolisiert das Ende eines Lebens und den Beginn eines Neuanfangs. Eine
wunderschöne Metapher. Wieso können wir das nicht auch? Unsere Altlasten von uns
werfen und von vorne beginnen. Eine neue Chance bekommen, um bestimmte Dinge
besser zu machen. "Weil das Leben so nicht läuft", meldet sich die schwarze Silhouette
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zu Wort, die mir gegenübersitzt und mich aus ihren dunklen Augenhöhlen anstarrt.
Darf ich vorstellen? Meine Krankheit aus Kindertagen, die Depression. Sie begleitet mich
schon seit zwanzig Jahren. Wow! Doch schon so lange? Mühsam reiße ich meinen Blick
von ihr los und versuche mich auf das Wetterspektakel draußen zu konzentrieren. Dieser
Anblick hat was Beruhigendes an sich. Dem Zyklus des Lebens zuzuschauen und nicht
andauernd über irgendwas nachdenken zu müssen. Doch kaum hat sich meine Depression
bemerkbar gemacht, fange ich auch schon wieder damit an, mich den schlechten Dingen
meines Lebens zu widmen. In meinem Kopf herrscht ein wirres Durcheinander.
Sämtliche Erinnerungen flackern vor meinen Augen auf, die ich am liebsten vergessen
möchte. Ich habe sie sorgfältig in die letzte Ecke meines Gedächtnisses gepackt, in der
Hoffnung, sie niemals wieder zu Gesicht zu bekommen. "So leicht kommst du mir nicht
davon", drängt sich mir meine Depression auf. Ich rolle genervt mit den Augen und
versuche krampfhaft gegen die aufkommenden Tränen anzukämpfen. Selbst nach einem
Schluck Tee, warte ich vergeblich auf die wohlwollende Wärme, die sich sonst in
meinem Körper ausbreitet. Wieso ist das so schwer, manche Dinge hinter mir zu lassen?
Es fühlt sich so an, als würde ich immer wieder auf dieselbe Stelle treten, ohne jemals
vorwärtszukommen.
Meine Vergangenheit holt mich immer wieder ein. Dabei kann ich sie doch gar nicht
mehr ändern. Also wieso kann ich sie nicht einfach links liegen lassen und
weitermachen? "Ganz einfach, weil sie dich geprägt hat. Deine Familie war nie für dich
da, deine Eltern hatten ein Alkoholproblem, du wurdest während deiner gesamten
Schulzeit gemobbt und auch dein Umfeld hat dich schlecht behandelt", gibt das
personifizierte Böse spöttisch von sich. Dem ist nichts hinzuzufügen. Ein stechender
Schmerz macht sich in meiner Brust bemerkbar. Den inzwischen kalt gewordenen Tee
stelle ich neben mir auf dem Boden ab. Ich lehne den Kopf gegen die Scheibe und
schließe meine Augen. Einzelne Tränen stehlen sich aus ihnen hinaus und füttern das Ego
meiner verhassten Krankheit. Ich habe es versucht. Vor fünf Jahren habe ich eine
Tagesklinik besucht, die mir überhaupt nicht geholfen hat. Das war die reinste
Zeitverschwendung und hat mir einen toxischen Freund zur Seite gestellt, der nach
zweieinhalb Monaten wieder aus meinem Leben verschwinden durfte. Seitdem bin ich zu
nichts in der Lage. Meine Seele und mein Körper leiden gleichermaßen. Selbst die
Verhaltenstherapeutin war keine große Hilfe. Ich habe in ganzer Linie versagt. Nun weiß
ich überhaupt nichts mit meinem Leben anzufangen. Wütend über mich selbst, fahre ich
mir mit meinen Nägeln über die Arme und kratze sie mir buchstäblich auf. Mit zitternden
Beinen stehe ich auf und gehe in das Badezimmer, um mir die Folgen meines mir selbst
zugerichteten Angriffs anzusehen. Rote Blutspuren zeichnen sich deutlich auf den Armen
ab. Mir ist das egal. Auf diese Weise spüre ich wenigstens etwas. Körperlicher Schmerz
macht mir nicht so viel aus. Ich gebe mir nicht mal die Mühe, das Blut abzuwaschen.
Meinen Blick auf den Spiegel gerichtet, schaue ich in das Gesicht einer mir unbekannten
Frau. Ich kenne sie nicht, dabei sehen wir uns ähnlich. Ihr eingefallenes Gesicht ist mir
zugewandt, dunkle Augenringe zeichnen sich ganz deutlich ab und lassen ihr Gesicht
noch blasser aussehen. Sämtliches Licht ist aus ihren dunkelbraunen Augen erloschen.
Ausdruckslos starren sie mich an. Leichte Tränenspuren sind zu sehen. Ihr Anblick macht
mir Angst. Ich denke nicht weiter darüber nach und schlage im nächsten Moment zu.
Tausend Splitter fallen zu Boden und bohren sich gleichzeitig in meine Haut. Ein scharfer
Schmerz durchzuckt meine rechte Faust, mit der ich zugeschlagen habe. Meiner Wut
derart freien Lauf zu lassen tut gut, alles aufzuräumen und meine Wunden zu versorgen
eher weniger. Ich bestrafe mich auf diese Weise, obwohl ich weiß, dass es schwachsinnig
ist. Der Drang mir selbst etwas anzutun ist größer. Schmerzen, die noch auszuhalten sind.
Alles andere ist für mich unvorstellbar und kommt nicht infrage. Diese Genugtuung
gönne ich meiner Depression nicht. Jene steht nun hinter mir und schaut sich ihr
angerichtetes Desaster an. "Davon lösen sich deine Probleme auch nicht in Luft auf. Du
bestrafst dich für etwas, wofür du nichts kannst. Du hast keinen Einfluss mehr auf die
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Vergangenheit. Trotzdem lässt du dich von ihr kontrollieren und kaputt machen, anstatt
dich auf deine Zukunft zu fokussieren. Lebe im Hier und Jetzt. Ich will dir doch gar
nichts Böses. Zumindest nicht immer." Höre ich die immer leiser werdende Stimme
meiner Depression. Mein Körper ist von Narben gezeichnet. Die meisten davon stammen
von mir. Meine Mutter schämt sich für mich, weil meine Arme von Narben übersät sind
und es mir seelisch nicht gut geht. Dabei trägt sie doch eine Teilschuld an meiner Misere.
Es ist ein nie endendes Thema.
Nachdem ich die Scherben entsorgt habe, kümmere ich mich um die Wunden. Um die
körperlichen. Die seelischen lassen sich leider nicht so einfach heilen. Der Nachteil
meiner Tat, ich muss mir einen neuen Spiegel kaufen. Ich weiß, das klingt jetzt total
komisch, aber die Schmerzen tun gut. Was stimmt nicht mit mir? Mit diesem Gedanken
im Kopf gehe ich zurück ins Schlafzimmer und setze mich wieder auf das Fensterbrett.
Noch immer rollen Tränen unaufhörlich meine Wangen hinab. Eine Abwärtsspirale jagt
die nächste. Habe niemanden an meiner Seite, der überhaupt für mich da ist. Muss ich
mir Liebe verdienen? Jeder Mensch hat es verdient, geliebt zu werden. Aufgrund meiner
Erfahrungen stoße ich jeden von mir. Ich habe eben nie gelernt mich selbst zu lieben, wie
sollen es dann andere tun? Wie schaffen das bloß die anderen? Für mich ist es
unvorstellbar, ein normales Leben zu führen und glücklich zu sein. Werde ich jemals an
diesen Punkt gelangen? So, jetzt reicht es für heute mit dem Gedankenkarussell. Das
bringt mich auch nicht weiter. Meine noch immer nicht ausgetrunkene Tasse Tee bringe
ich in die Küche und stelle sie in die Spüle. Danach lege ich mich auf das Bett, rolle mich
zusammen wie ein Embryo und versuche an etwas Schönes zu denken. Das Senken
meiner Matratze signalisiert mir, dass sich meine Depression zu mir gelegt hat. Immerhin
ist sie stets an meiner Seite, auch wenn ich sie überhaupt nicht da haben will. Sie saugt
mich aus und hinterlässt nichts als Schmerz, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Es
gab Tage, da wollte ich gar nicht mehr aufwachen. Wollte ich nicht an etwas Schönes
denken? Das fällt mir unglaublich schwer. Meistens denke ich an meine Kindheit zurück,
als die Zeiten noch unbeschwert waren. Wie ich diese Zeiten vermisse! Ich muss lernen,
mit meiner Depression zu leben. Sie wird mir niemals von der Seite weichen.
Ich habe Ziele für die Zukunft und diese muss ich mir immer wieder vor Augen führen.
Gesund werden ist das wichtigste. Mich von der Gesellschaft und meiner Familie kaputt
machen zu lassen, hätte niemals passieren dürfen. Leider war ich schon immer sehr
schüchtern und zurückhaltend. Habe mich herumschubsen und schlecht behandeln lassen.
Dabei war ich immer nett und habe niemandem was Böses getan. Wehren konnte ich
mich auch nicht. Kann ich mich immer noch nicht. Seit meinem vierzehnten Lebensjahr
schreibe ich Gedichte und versuche meine Erfahrungen auf diese Weise zu verarbeiten.
Ich hatte die Hoffnung, indem ich alles aufschreibe, alles besser wird. Auch hier sieht die
Realität anders aus. Da wird mir wohl nur eine anständige Therapie bei helfen können.
Das einzig positive an meiner Erkrankung? Dass ich sehr viel über mich gelernt habe und
noch lerne. Ich bin selbst reflektierend und nehme mir bestimmte Worte zu Herzen, die
mir helfen können. Mich weiterzuentwickeln ist mir wichtig, denn nur so kann ich
Fortschritte machen und mich aus den Klauen meiner Depression befreien. Zumindest so
weit, dass sie mir nicht mehr so viel anhaben kann. Hoffe ich zumindest.
Mich macht die Tatsache traurig, dass ich als Kind befreiter, sorgloser und fröhlicher
war, davon aber jetzt nichts mehr zu sehen ist. Nach und nach ist dieses Kind in mir
gestorben und hat nichts als Dunkelheit hinterlassen. Äußere Umstände haben meine
Unschuld zerstört. Ich würde das kleine Mädchen, das ich früher war, so gerne in den
Arm nehmen und ihr sagen, dass sie für all die schrecklichen Dinge nichts kann. Dass sie
keine Schuld daran trägt, dass so fies mit ihr umgegangen wird. Ich möchte ihr so gerne
Hoffnung schenken und Mut zusprechen. Ihr sagen, dass die dunklen Zeiten irgendwann
vorbei sind, aber das wäre gelogen. Ich frage mich, wie ich das alles ausgehalten habe, ohne komplett durchzudrehen oder mich selbst ins Jenseits zu befördern. Was wäre das
Leben ohne Herausforderungen? Ich nehme diese gerne an, auch wenn es bedeutet,
beinahe daran zugrunde zu gehen. Mir wurden schon so viele Steine, wenn nicht sogar
Felsen in den Weg gelegt, die ich unter größter Anstrengung bewältigt habe. Ich bin
zuversichtlich, dass ich alles andere auch schaffen werde. Es wird zwar anstrengend, aber
ich habe es verdient glücklich zu sein. Darauf arbeite ich hin und werde die Schatten der
Vergangenheit nach und nach hinter mir lassen.
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