Mama,
wo warst, du als ich noch ein Kind war? Ich sehnte mich so sehr nach dir, weinte Nachts immer öfter und wollte doch einfach nur geliebt werden. Du hast meinen Bruder immer bevorzugt, er war der Prinz der Familie. Wenn er Mist gebaut hat, habe ich immer ärger bekommen. Es gab viele Situationen in meinem Leben, in denen ich dich gebraucht hätte, aber dein Egoismus war dir wichtiger. Als ich von der Schule nachhause gekommen bin, mussten die Hausaufgaben schnell gemacht werden und danach sollte ich raus gehen, mich mit Freunden treffen oder sonst was machen, damit du deine Ruhe hattest. Es wollte aber keiner mit mir spielen. Ich war die meiste Zeit alleine, aber das war dir egal. Du hast gar nicht darauf geachtet, was ich mache oder wo ich unterwegs war. Dann haben du und Papa angefangen dieses Zeug zu trinken, wodurch alles nur noch schlimmer wurde ...
Es fing auf dem Campingplatz an.. Dort durfte ich die Zeit totschlagen, während meine Geschwister mit Freunden weg waren und ihr euch amüsiert habt. Danach wart ihr immer so komisch drauf. Euer Verhalten war mir sehr unangenehm und peinlich. Ich habe nicht verstanden, was da überhaupt passiert. Die Auswirkungen von Alkohol waren mir nicht bekannt, schließlich war ich noch ein Kind. Eines Abends, habe ich etwas gesehen, das mich noch heute völlig verstört. Ihr hattet euch öffentlich lieb, um es noch harmlos auszudrücken. Nur hatte ich Angst, dass Papa dir weh tun würde. Meine Nerven lagen blank, weshalb ich weinte und sogar meinen Bruder darum gebeten habe, die Polizei anzurufen. Ihr habt das alles heruntergespielt, als wäre nichts Schlimmes geschehen. Ich hingegen, sollte Jahre später noch immer damit zu kämpfen haben. Dies war kein Einzelfall. Immer, wenn es so weit war, hielt ich mir die Ohren zu und flüchtete mich gedanklich in eine andere Welt. In eine Welt, in der alles gut war. In der wir eine heile Familie waren. Doch es sollte nie so sein ...
Jahr für Jahr wuchs ich mit eurem Alkoholproblem auf und hatte niemanden, der für mich da war. In der Schule lief es ziemlich schlecht. Ich war das Opfer, ganze sechs Jahre lang. Egal was ich versucht habe, ich war nie gut genug, um halbwegs akzeptiert zu werden. Auch die Lehrer haben nichts unternommen. Mein Klassenlehrer hat mir sogar zum Wichteln einen Bilderrahmen mit einem Foto von mir, aus der fünften Klasse geschenkt, auf dem ich aussah wie ein Junge! Die ganze Klasse lachte mich aus. Davon wisst ihr natürlich nichts. Ich konnte ja nie mit euch über so etwas reden. Ich bin ein Profi darin, meine Probleme in mich hinein zu fressen. Bin eine Spätzünderin, weil ich mich nie schminken wollte, geschweige denn jemals einen Freund hatte. Ich bin herumgelaufen wie der letzte Rotz, weil ich keine tollen Klamotten besaß. Mein Körper zierte die abgetragene Kleidung meiner Schwestern. Ihr hattet immer Geld für eure Zigaretten und euren Alkohol und was war mit uns? Wir durften gucken, wie wir klarkommen. Das Kindergeld habt ihr euch auch immer eingesteckt und wir blieben auf der Strecke.
Mit vierzehn Jahren hatte ich das erste Mal Suizidgedanken. Ich habe das alles nicht mehr ausgehalten. "Mich will doch eh keiner, also kann ich auch gehen!" Nur war ich zu feige dafür. Stattdessen quälte ich mich weitere Jahre durch dieses Leben. Ich wurde mir selbst überlassen. Hatte das Gefühl, meine Geschwister würden sich für mich schämen, weil ich nicht cool genug war. Meine Seele hat nur gelitten. Unter euch, meinen eigenen Eltern, meinen Geschwistern und meinem Umfeld. Alle haben irgendwie versuch mich zu verändern. Anscheinend war ich wirklich nie gut genug. Irgendwann, musste ich es mir eingestehen, dass eine Krankheit von mir Besitz ergriff. Es war die Depression! Seit meinem vierzehnten Lebensjahr infiziert oder schon seit der Kindheit? Als meine Gutmütigkeit ausgenutzt und ich zu Dingen gezwungen wurde, die ich nie machen wollte. Rauchen, Alkohol trinken, ich wurde in der Grundschule in der Toilette eingesperrt. Ich hatte nie den Mut, mich abzugrenzen, meine Meinung zu äußern, mich zu wehren. Habe mich herumschubsen und schlecht behandeln lassen. Keiner da, der mir den Rücken stärkt. Ausgebeutet während meines Praktikums, wo mir unterstellt wurde, dass ich etwas geklaut hätte, aber nie getan habe! Von all diesen Dingen, habt ihr keinen blassen Schimmer!
Seit knapp vier Jahren seid ihr trocken und habt aufgehört zu rauchen. Herzlichen Glückwunsch! Und wer kuriert meine Seele oder meine Lunge, die beide einen erheblichen Schaden davongetragen haben? Immer, wenn ich über früher reden möchte, dann heißt es "Man kann sich auch etwas anstellen. So schlimm war das doch gar nicht!" Für mich ist das ein Schlag ins Gesicht. Ihr tut so, als wäre nie etwas Derartiges passiert. Wisst ihr wie schlimm das für mich und meine Geschwister ist? Jeder von uns versucht auf seinem Weg, mit der Vergangenheit klarzukommen. Nur sind die Entscheidungen, die wir seitdem getroffen haben, nicht immer klug gewesen.
Mein Leben besteht aus Schmerzen, ist der reinste Scherbenhaufen. Diese Erinnerungen nehmen mir jegliche Luft zum Atmen. Am liebsten, würde ich mich aus meiner Haut schälen und irgendwo von vorne anfangen. Letztes Jahr musste ich mein Studium abbrechen, weil mein Körper schlapp gemacht hat. Es ging mir dreckig mit meinem Reizmagen und was tust du, Mama? Du wolltest mich ins Krankenhaus abschieben und loswerden! Du willst dich nicht um mich kümmern. Ich habe immer etwas anderes und soll endlich mal vorwärtskommen. Das sagst ausgerechnet du? Du hast dein Leben doch nie hinbekommen. Was das betrifft, bist du eine echte Niete! Ich bekomme mein Leben nicht auf die Reihe, weil ihr die besten Vorbilder wart. Wie lebt man denn richtig? Ich weiß es nicht. Ich habe doch nie gelebt. Weder leben noch lieben. Ich schaffe beides nicht. Ja, ich bin fünfundzwanzig Jahre alt und habe meine Vergangenheit gerade ein wenig Revue passieren lassen. Was will ich? Ich weiß es nicht. Gesund werden, aber das interessiert natürlich keinen. Körperlich geht es mir doch gut, man sieht mir doch nichts an. Und was ist mit meiner geschundenen Seele? Ich sehne mich so sehr danach, umarmt zu werden, dass es innerlich weh tut!
Wie sehr hätte ich jemanden gebraucht, der mir sagt, dass alles bald wieder gut wird. Das irgendwann die Sonne wieder scheint und ich keine Angst haben muss. So jemanden brauche ich noch immer. Jemanden, der mich an die Hand nimmt und mir zeigt, wie man lebt. Neben meiner Seele sind meine Arme von Narben gezeichnet. Aus Wut mir selbst gegenüber, kratze ich sie mir auf, weil ich glaube, es verdient zu haben. Dabei ist das falsch! Mir ist es egal. Du hast nur Angst davor, dass dich jemand darauf anspricht und fragt, ob ich krank bin. Du schämst dich für meine Eigenheiten, die ich EUCH zu verdanken habe! Wieso bekommt man ein Kind, wenn sich nicht darum gekümmert oder jenes geliebt wird? Dabei möchte ich doch genau DAS! Eine Mutter, die sich um mich sorgt und mir sagt, dass sie mich liebt. Eine Mutter, mit der ich über alles reden, ihr alles anvertrauen kann. Eine Mutter, die immer für mich da ist und mir zeigt, was es bedeutet zu leben. Dieser Wunsch wird für immer einer bleiben. Ich bin eine junge Frau, die Angst vor dem Leben hat, nicht klar kommt und endlich aus diesen zerrütteten Verhältnissen ausbrechen möchte! Dafür brauche ich Zeit und es liegt noch ein langer Weg vor mir. Im Gengensatz zu euch bin ich mir meiner Probleme bewusst und möchte etwas ändern!
Ich vermisse die Mutter, die ich nie hatte. Meine Sehnsucht droht mich zu verschlingen und in den Abgrund zu ziehen. Jeden Tag. Immer wieder auf´s neue. Dieser Kampf ist anstrengend, aber ich weiß, dass er es wert sein wird!
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