Liebe Mama,
mir fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich habe dir vor sechs Jahren schon mal einen Brief geschrieben, ihn dir aber nie gegeben. Du würdest ihn eh nicht lesen und alles abstreiten. Damals habe ich dich mit Vorwürfen konfrontiert, regelrecht überhäuft. Seitdem bin ich in mich gegangen und habe ein paar Dinge reflektiert. Mir ist bewusst, dass du und Papa es in eurer Kindheit definitiv nicht einfach hattet. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie sehr ihr gelitten und versucht habt, mit euren Problemen klarzukommen. Ihr habt euch in einer Tagesklinik für seelische Erkrankungen kennengelernt. Das waren nicht gerade die besten Voraussetzungen, um eine Beziehung einzugehen, wie ihr die letzten Jahre festgestellt habt. Du meckerst oft über ihn herum und lässt es ihn auch spüren. Dabei gab es zig Möglichkeiten, in denen du dich hättest von ihm trennen können. Wir, eure eigenen Kinder, haben euch oft genug gesagt, dass es vielleicht besser wäre, sich zu trennen. Und das soll schon was heißen. Ihr haltet einander eher aus, als einen Schlussstrich zu ziehen. Ich weiß, dass dies leichter gesagt ist als getan. Du hattest beziehungsweise hast Angst davor, dass Papa sich umbringen würde, oder ein anderes Argument von dir war, dass du dann weniger Geld zur Verfügung hast und auch einen Umzug nicht alleine stemmen könntest. Das sind pure Ausreden! Bis auf die Sache mit dem Geld. Da bist du ja immer direkt hinterher gewesen. Anstatt euch irgendwie Hilfe zu holen, habt ihr euch aufgegeben und euren Frust sowie Überforderung an uns Kindern ausgelassen. Jetzt fange ich schon wieder an, mit Vorwürfen, um mich zu schmeißen. Ich kann mich leider nicht mehr an positive Ereignisse erinnern, obwohl ich weiß, dass es sie gegeben hat. Ich würde mir wünschen, dass ihr für euch einen Weg findet, mit euren inneren Dämonen ins Reine zu kommen. Alleine werdet ihr das bedauerlicherweise nicht schaffen. Es tut mir in der Seele weh, euch dabei zuzusehen, wie ihr vor euch hin vegetiert, ohne die Zeit für euch beide zu nutzen. Es herrscht kein Miteinander, sondern ein Gegeneinander. Bei Papa bin ich mir sicher, dass er dich von ganzem Herzen liebt. Obwohl ich nicht sicher weiß, ob ihr wisst, was Liebe überhaupt ist. Eure Definition davon ist ein wenig merkwürdig.
Es kamen gerade tatsächlich kleine Erinnerungsfetzen in meinen Kopf. Wie du mir vorgelesen oder mich mit zum Putzen genommen hast, weil ich nicht in den Kindergarten gehen wollte. Vor eurem Rückfall habt ihr euch tatsächlich noch ein wenig Mühe gegeben. Ich habe mir viele Vorwürfe gemacht, weil ich dachte, dass wir vielleicht Schuld daran gewesen sein könnten. Diese Last möchte ich mir aber nicht aufbürden. Jeder ist selbst für sein Leben verantwortlich. Eure Erkrankung hat euch uns weggenommen. Wo sind die unbeschwerten Zeiten hin? Möchtest du wirklich so ein Leben führen? Jeden Tag meckern, weil etwas nicht so läuft, wie du es gerne hättest? Du änderst aber nichts daran! Von alleine kommt dir nichts zugeflogen. Du hattest immer irgendjemanden, der dir etwas abgenommen hat. Papa hat sämtliche Formulare ausgefüllt und sich um den Papierkram gekümmert und meine älteste Schwester hat dich überallhin kutschiert. Du hast dir die Leute so zusammengesucht, wie du sie brauchtest, und für deine Zwecke benutzt. Sogar deine eigenen Kinder! Als wären wir deine Bediensteten. Jetzt hast du sogar eine Ersatztochter gefunden. So fühlt es sich zumindest für uns an. Was bedeuten wir dir? Du mäkelst an uns herum, obwohl du mit dir selber unzufrieden bist. Projiziere deine Probleme bitte nicht auf uns. Egal was wir tun, wir sind nie gut genug. Du gibst damit an, dass ich studiert habe. Hast du auch dazu erwähnt, dass ich mein Studium aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig beenden musste? Nein, natürlich nicht. Ich komme überhaupt nicht damit klar, dass du alles von dir schiebst und dir keiner Schuld bewusst bist. Immer sind es die Anderen. Mir fällt es unglaublich schwer, mich zurückzuhalten und nicht schriftlich auszurasten. Diese unnötige Energieverschwendung bringt mich nicht weiter. Trotzdem rege ich mich über so Vieles auf. Auch wenn ich mich mit meinen Schwestern unterhalte und wir uns austauschen. Du kommst da nicht gut weg. Ich möchte nicht wissen, wie du hinter unserem Rücken über uns redest. Auch die „Vorschläge“ die aus deinem Mund kommen, was mögliche Berufe betrifft, die für mich infrage kommen könnten. Nein, danke! Ich wähle meinen Weg selber und fokussiere mich auf meine Gesundheit. Ich möchte definitiv nicht so enden wie du und Papa!
Die alten Zeiten waren schön, obwohl wir immer an sämtliche Institutionen abgeschoben worden sind. Auf dem Abenteuerspielplatz hat sich besonders eine Betreuerin gut um uns gekümmert, weil sie wusste, dass wir nicht viele Möglichkeiten hatten. Heute weiß ich, dass ihre Bemühungen nicht selbstverständlich waren. Trotzdem bin ich ihr sehr dankbar dafür! Ich kann nicht behaupten, dass du und Papa uns irgendwas beigebracht hättet. Selbst beim Fahrradfahren hat mir mein Patenonkel geholfen. Was habe ich von euch gelernt? Nicht so zu werden wie ihr, das steht schon mal fest. Der „Urlaub“ auf dem Campingplatz hat etwas in mir ausgelöst, was ich leider nicht abschütteln kann. Ihr habt mich dermaßen traumatisiert und spielt alles herunter. Es wäre ja gar nicht so schlimm gewesen. Doch, das war es! Dir ist das völlig egal. Auch die Aussage, wo meine Depressionen denn herkommen sollen. Hauptsache, du bist aus dem Schneider und hast keinen Teil dazu beigetragen. Du hast sämtliche Freunde, die ihr hattet, mit deiner Art vergrault. Ich möchte nicht wissen, ob du schon immer so gewesen oder durch eigene Erfahrungen so geworden bist. Wir haben höchstens etwas über euer Leben erfahren, als ihr betrunken wart. Und das waren Details, auf die wir hätten verzichten können. Euch darf es grottenschlecht gehen, aber uns nicht. Ihr dürft leiden und dieses beklagen, aber wir nicht. Wir, eure Kinder, sollen uns um euch kümmern und mitfühlen. Tut ihr das denn auch mit uns? Nein, denn dann heißt es: „Das liegt am Wetter.“, oder „Guck mal lieber, dass du arbeiten gehst!“ Dass so ein Satz aus deinem Mund kommt, ist so unverschämt! Wann warst du denn mal arbeiten? Du hast dich immer vom Amt abhängig gemacht. Hast gemeckert, wieso deine Rente so niedrig ausfällt. Du bist in einer Reha Klinik gewesen, nur damit du deine Rente überhaupt bekommst, hast dich von einem Psychiater krankschreiben lassen, damit du nicht arbeiten gehen musst. Keine Ahnung, ob das an deiner Faulheit liegt oder eine Kombination aus eben dieser und deiner seelischen Erkrankung ist. Verlangst aber von uns, dass wir unser Leben auf die Reihe kriegen sollen? Kümmere dich doch bitte um deine Probleme und lass uns in Ruhe. Misch dich nicht immer in unsere Angelegenheiten ein.
Ich habe kaum nette Worte für dich übrig. Das tut mir schon ein wenig leid, aber was soll ich sagen? Du lügst dir deine Welt zurecht. Das tue ich nicht. Wir haben als Kinder alles gehabt und konnten uns nicht beklagen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Ja, wir haben einiges an Spielzeug gehabt, obwohl es gebraucht gekauft war. Erstens wussten wir das nicht und zweitens haben wir uns darüber gefreut und keinen Gedanken daran verschwendet. All dies geschah zu der Zeit, als ihr noch nicht rückfällig wart. Danach wurde das Geld hauptsächlich für Alkohol und Zigaretten ausgegeben und wir durften gucken, wie wir klarkamen. Es gab kein Taschengeld oder Geld für Schulsachen oder für Klassenfahrten. Diese wurden auch vom Amt übernommen. Ich weiß noch, dass meine Klasse damals Geld für mich gesammelt hat, damit ich mitfahren konnte. Auf der einen Seite war das echt lieb, aber auf der anderen Seite war es extrem peinlich. Auch, weil ich damals gemobbt worden bin. Ich war eben nicht hübsch genug und hatte keine tollen Klamotten. Das alles konnte ich mir nicht leisten. Zudem war ich auch die einzige Nichtraucherin in der Familie. Der Geruch hat sich trotzdem überall festgesetzt. Trotz des Parfums, das ich trug, muss ich extrem gestunken haben. Da ich jedoch mit dem Geruch aufwuchs, fiel es mir nicht auf. Du hast mich sogar auf dem Geld sitzen lassen, das mir übergangsweise vom Amt geliehen wurde, weil mein Bafög noch nicht bearbeitet wurde. Es kam ein Brief für mich an, was Papa sogar bestätigt hat, und du hast ihn mir nicht gegeben. Später kam dann eine Mahnung, die du mir natürlich in die Hand gedrückt hast, die ich selbst bezahlen musste. Das durfte ich zum Glück in Raten machen. Wie unangenehm! Normalerweise bin ich sehr zuverlässig, aber deinetwegen, kam diese Problematik erst zustande. Worauf ich auch nicht klarkomme, ist, dass Papa immer zu dir hält, was selbstverständlich daran liegt, dass er dich liebt. Du nutzt das für dich aus, um uns schlecht dastehen zu lassen. Wir bekommen weder Rückhalt von ihm noch von dir. Was habt ihr euch dabei gedacht, vier Kinder in die Welt zu setzen? Wofür? Ich verstehe es nicht. Meine Geschwister haben mittlerweile mehr oder weniger ihre eigenen Familien gegründet. Jeder von uns hat mit verschiedenen Problemen zu kämpfen, die durch euch entstanden sind. Vor allem durch dich! Ich habe mich dazu entschieden, keine Kinder zu bekommen, weil ich mich einem unschuldigen Wesen niemals auflasten möchte. Ich weiß, dass es mir seelisch beschissen geht. Da werde ich bestimmt keine Kinder bekommen. Ich bin nicht mal in der Lage, eine Beziehung einzugehen oder Liebe auf irgendeine Art und Weise zu zeigen. Vieles habe ich mir selber beigebracht. Von emotionaler Kompetenz bis hin zum Lesen oder mir Werte und Normen aus Serien zu Herzen nehmen. Keine Ahnung, warum ausgerechnet ich die Sensibelste von allen bin. Wahrscheinlich weil zu viel Mist geschah, als ich noch ein Kind war. Das macht natürlich etwas mit einem.
Du hast hinter dem Rücken von Oma meist schlecht von ihr geredet. Ich weiß nicht, wie euer Verhältnis zueinander war. Es gab keine Versöhnungsversuche. Du wurdest streng erzogen und hast dich nicht weiterentwickelt. Irgendwann bist du einfach stehen geblieben und nicht mehr von der Stelle gekommen. Hast du dich selber aufgegeben? Damals wurden seelische Erkrankungen weder ernst genommen, noch geduldet. Deine Denkweise diesbezüglich ist sehr veraltet und klischeehaft. Du meinst, du wüsstest viel, dem ist aber nicht so. Manche Aussagen von dir sind einfach nur dumm und nicht durchdacht. Eine eigene Meinung besitzt du auch nicht, hast dich von Papa dominieren lassen. Ich kann sehr gut verstehen, dass du Angst vor ihm hattest. Das hatten wir auch. Er fährt sehr schnell aus der Haut. Auch heute noch. Er ist ebenfalls irgendwann stehen geblieben und hat sich nicht weiterentwickelt. Er war aber im Gegensatz zu dir jahrelang arbeiten, und das in verschiedenen Bereichen. Es schmerzt wirklich, zu hören, wie schlecht du über ihn redest. Er wartet förmlich darauf, dass sein Leben endlich endet, und hat sogar offen mit uns darüber geredet. Das finde ich unmöglich! Was denkt er denn, wie wir da reagieren würden? Jahrelang quält euch eure Vergangenheit. Wie haltet ihr das bitteschön aus? Ich wäre schon längst wahnsinnig geworden. Zu oft habe ich darüber nachgedacht, endlich den Kontakt zu euch abzubrechen. Ihr seid toxische Menschen und tut mir nicht gut. Dabei fällt es mir schwer, mich emotional von euch zu lösen. Ich fühle mich einsam und habe mir zu oft Eltern gewünscht, die für mich da sind und mich unterstützen. Verständnis für meine Erkrankungen haben und mir den Rücken stärken. Ich versuche doch auch, dieses für euch aufzubringen, auch wenn es echt schwer ist. Egal, wie oft wir bestimmte Dinge angesprochen haben, du hast sie nie umgesetzt. Du lässt zum Beispiel das Fleisch von morgens bis mittags zum Auftauen draußen stehen, um es dann zu verarbeiten. Schon mal was von Salmonellen gehört? Du bereitest das Essen vor, um weniger Arbeit zu haben. Dabei kommt es doch auf dasselbe aus. Du und Papa seid generell total unhygienisch, was zutiefst ekelerregend ist. Nach dem Toilettengang wäschst du dir nicht die Hände, sondern cremst sie dir ein. Du benutzt denselben Lappen zum Tisch abwischen und um die Arbeitsfläche zu säubern. Du lässt die Sachen immer draußen stehen, egal bei welchem Wetter, und wunderst dich dann, wieso diese verdorben sind. Wir haben dich so oft darauf angesprochen und trotzdem änderst du nichts an deinem Verhalten. Es kommt nichts bei dir an. Auch nicht, wenn wir versuchen, mit dir über vergangene Themen zu reden. Du schiebst direkt alles von dir oder wechselst das Thema. Da kann ich mich auch mit einer Wand unterhalten. Wieso mühe ich mich weiter mit dir ab, wenn es eh keinen Sinn ergibt?
Es ist dir scheiß egal, ob wir Verluste davontragen. Du sagst andauernd, sucht euch einen reichen Mann oder einen Job, in dem ihr viel verdient. Geld alleine macht aber nicht glücklich! Wie oft hast du gesagt, dass deine eigene Mutter ein Geizhals war? Dabei bist du nicht besser! Zwar versuchst du anscheinend ein paar Dinge wiedergutzumachen, indem du mal ein paar Sachen springen lässt, aber ich bin sehr nachtragend. Das zieht bei mir nicht. Und genau das ist das Problem. Dass es mir schwerfällt, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ich hoffe, dass es mir eines Tages gelingt. Ich würde auch so gerne mal wissen, was damals auf dem Campingplatz genau passiert ist. Wieso wir eilig aufgebrochen und nie mehr dahingefahren sind. Als wären wir auf der Flucht gewesen. Du hattest sogar beim Eismann extrem hohe Schulden. Beim Eismann! Echt jetzt? Eure Alkohol-Eskapaden haben dazu geführt, dass wir als asozial abgestempelt wurden, weil alle unsere Nachbarn euer widerliches Verhalten mitbekommen haben. Wie oft haben wir uns für euch geschämt? Oder wurde meine älteste Schwester nachts losgeschickt, um euer Gesöff zu kaufen? Es war euch scheiß egal, wo wir uns aufhielten. Uns hätte sonst was passieren können und es wäre euch zunächst gar nicht aufgefallen. Wenn wir versucht haben, über unsere Probleme zu reden, wurden diese ins Lächerliche gezogen. Deshalb habe ich angefangen, alles in mich hineinzufressen. Du weißt bis heute nicht, dass ich mit vierzehn Jahren zum ersten Mal Suizidgedanken hatte. Ihr wart eine Zumutung für uns. Manchmal glaube ich echt, dass ihr nur Kinder bekommen habt, um das Kindergeld einzukassieren. Du vor allem. Ihr wart heillos überfordert mit uns. Dabei habt ihr nicht mal Zeit mit uns verbracht. Zumindest nicht oft. Musstet ihr euch euer Leben schön saufen, weil ihr es sonst nicht mit uns ausgehalten habt? Waren wir die Probleme, die dazu geführt haben, dass ihr rückfällig wurdet? Immerhin hast du es vor neun Jahren geschafft, von diesem Zeug loszukommen. Da war ich echt überrascht und sogar stolz auf dich! Papa trinkt heute leider immer noch. Flüchtet sich in den Alkohol. Und auch da meckerst du über ihn, er hätte ein großes Alkoholproblem, was auch stimmt, aber du warst nicht anders. Auch das siehst du nicht. Ihr tut so, als wären viele Dinge damals gar nicht passiert. Wahrscheinlich, um euer Gewissen zu reinigen. Tja, zu blöd, dass wir alle noch sehr genau wissen, was Sache war. Meine älteste Schwester meinte sogar, dass ich von vielen Dingen gar nichts weiß und es wohl auch gut so ist. Sonst würde ich erst recht nie wieder ein Wort mit euch wechseln. Sie tut mir am meisten leid. Sie musste am meisten einstecken und ertragen. Du verschwendest wirklich keinen Gedanken daran, wie es uns geht oder mit alldem klarkommen.
Um nochmal auf das Thema Papa zurückzukommen. Ich weiß noch, als die Sache mit dem Campingplatz war, dass du nach eurem Akt geweint hast und Papa dich mit den Worten „Hör auf zu heulen!“ angemeckert hat. Du hast dich deinem Schicksal hingegeben, anstatt nach einer Lösung zu suchen. „Wie hätte ich das denn machen sollen, mit vier Kindern?„ Als wären wir schuld an deiner Misere. Wie schaffen das denn andere Frauen? Glaubst du, denen ist diese Entscheidung leicht gefallen? Du und deine ständigen Ausreden. Bevor ihr rückfällig geworden seid, bist du mit dem Bus gefahren und noch regelmäßig bei Kaisers einkaufen gewesen, das fünfzehn Minuten von unserem Haus entfernt war. Währenddessen hast du nichts Dergleichen mehr gemacht. Deine Ausrede zum Thema Busfahren, ist deine angebliche Angststörung. Wo war die denn vorher? Vorher hast du nie Probleme diesbezüglich gehabt. Hat der Alkohol womöglich vieles verschlimmert? Keine Ahnung, meine Geschwister und ich haben zum Glück nie etwas davon konsumiert. Zumindest haben wir relativ schnell die Finger davon gelassen. Auch, was die Mithilfe im Haushalt betrifft. Die Sauberste bist du ja nicht gerade, wie ich oben schon erwähnt habe. Dass die eigenen Kinder im Haushalt mithelfen, ist vollkommen normal und fördert die Selbstständigkeit. Alles schön und gut, aber wir waren eure kleinen Hauselfen. Meine mittlere Schwester und ich haben das Unkraut jäten müssen und ich war zusätzlich dafür zuständig, die Post zum Briefkasten zu bringen, der nicht weit entfernt war. Mein Bruder musste die Hecken schneiden und den Rasen mähen. Meine älteste Schwester ist leider noch immer deine persönliche Chauffeurin und sollte öfter auf uns aufpassen. Was am meisten genervt hat, waren die blöden Kommentare von Papa, wenn wir was nicht richtig gemacht haben. Dann hätte er den Kram selber in die Hand nehmen müssen. Ich frage mich, ob an dem, was mir meine große Schwester erzählt hat, dran ist. Sie ist sich absolut sicher, dass du Papa damals auf dem Campingplatz betrogen hast. Dein herum Geschrei haben selbst die Nachbarn gehört, die kilometerweit entfernt gewohnt haben. Das hat auf jeden Fall einen Wiedererkennungswert. Papa war auch nicht besser. Er hat sich meistens Bilder von nackten Frauen angeschaut. Wir haben uns immer laut bemerkbar gemacht, wenn wir heruntergegangen sind, weil es uns schön öfter passiert ist, dass wir die Bilder auch gesehen haben, was nicht gerade toll war. Keine Ahnung, was bei euch alles schiefgelaufen ist. Es gab ja schon vorher Probleme zwischen euch. Bevor wir auf der Welt waren. Und trotzdem hat keiner von euch die vernünftige Entscheidung getroffen, sich zu trennen. Ihr seid noch nie Vorbilder für uns gewesen. In jeglicher Hinsicht. Ihr habt so viel verbockt und falsch gemacht und nicht aus euren Fehlern gelernt. Ach ja, stimmt. Du hast ja nie einen Fehler gemacht. Du bist doch perfekt! Ich hoffe so sehr, dass die Menschen um dich herum merken, was für eine Person du wirklich bist. Leider hat dir noch nie einer seine Meinung ins Gesicht gesagt. Du würdest eh keinen Wert darauf legen.
Wenn du mit einem von uns unterwegs bist, reißt du immer dein Maul auf. Beleidigst andere Menschen oder lässt laut irgendwelche Sprüche ab. Es dauert hoffentlich nicht mehr lange, bis du dafür die Retourkutsche bekommst. Ich warte immer noch darauf, dass Karma an deine Türe klopft, aber ich glaube, du bist mit deinem Leben schon genug gestraft. Wenn ich deine Charaktereigenschaften aufzählen müsste, dann wären das Folgende: oberflächlich, hinterlistig, faul, abhängig, kaltherzig, scheinheilig, zynisch, falsch, egoistisch und besserwisserisch. Was ich dir auch niemals verzeihen werde. Du hast Flo, unseren Dackel, elendig verkommen lassen, anstatt mit ihr zum Tierarzt zu gehen, um sie einschläfern zu lassen. Du bist so unfassbar geizig. „Man kann die Tiere auch kaputt impfen.“ Darum geht es doch gar nicht! Wenn es uns Menschen nicht gut geht, gehen wir doch auch zum Arzt. Das ist vollkommen normal. Warum sollte das bei Tieren anders sein? Sie hat gelitten. Hatte Schmerzen, gezittert und hat sich an ihrem Todestag keinen einzigen Zentimeter bewegt, weil es einfach nicht mehr ging. Hauptsache ein Haustier haben wollen und sich nicht darum kümmern. Du hast das nicht mal bei deinen eigenen Kindern hinbekommen! Und dann legt man sich ein Haustier zu, ohne überhaupt jemals einen Tierarzt aufzusuchen? Du müsstest dich mal reden hören. Wie abartig du über andere redest oder Honig ums Maul schmierst. Mit der Nummer kommst du immer wieder durch! Auch vor ein paar Jahren, als du den Typen so angeranzt hast, der über die Hälfte des Bürgersteigs gefahren ist und uns fast umgenietet hat, warst du so klein mit Hut, weil er sich das nicht hat gefallen lassen. Stell dir mal vor, du wärst alleine gewesen. Aber das juckt dich nicht im Geringsten. Wenn jemand dabei ist, kannst du dein Mundwerk ganz weit aufreißen – du hast ja schließlich jemanden bei dir, der die Situation entschärft. Andauernd verlässt du dich auf andere. Es wundert mich wirklich sehr, dass meine Geschwister und ich unser Leben halbwegs auf die Reihe bekommen, obwohl ihr dermaßen versagt habt. Ihr habt uns gezeigt, wie wir unser Leben nicht führen wollen. Immerhin.
Ich kann mich auch noch an die französischen Austauschschüler erinnern, die wir damals für eine Weile bei uns aufgenommen haben. Du hast sie direkt an uns abgeschoben und dafür das Geld einkassiert. Wir mussten uns mit ihnen beschäftigen. Einige von denen waren sehr nett, andere wiederum arrogant und selbstgefällig. Viele Möglichkeiten hatten wir nicht, denn wir bekamen nicht mal ein geregeltes Taschengeld. Das heißt, wir konnten weder ins Kino gehen, noch in der Stadt bummeln oder sonst etwas machen. Wie langweilig muss das für die Austauschschüler gewesen sein? Auch das hat dich nicht interessiert. Die letzten Mädels, die bei uns waren, waren gerade mal dreizehn Jahre alt. Ich musste extra nachhause kommen, weil den beiden langweilig war. Wir haben uns dann zu dritt in meinem Zimmer Filme angeschaut und waren an der Niers spazieren. Etwas Besseres konnte ich den Zweien leider nicht anbieten. Ich habe mich an ihrem letzten Tag sogar dafür entschuldigt, dass deren Zeit bei uns nicht gerade der Knaller war. Das tat mir sehr leid, denn die beiden waren echt lieb. Apropos, wir hatten ja auch ein Pflegekind, der kleine Psycho. Mit ihm bist du auch nicht gerade gut umgegangen. Bist mit deinen eigenen vier Kindern überfordert und schaffst dir trotzdem noch ein Pflegekind an. Natürlich, denn auch das gab zusätzlich Kohle. Für Geld gehst du wirklich über Leichen, oder? Wundert mich, dass du dich noch nicht prostituiert hast (okay, das war hart). Der Junge hat ungünstigerweise auch einiges mitbekommen und war schon ziemlich anstrengend. Schwierig würde es vielleicht besser treffen. Wenigstens habt ihr bei ihm vernünftig gehandelt und ihn wieder abgegeben. Wie sich das anhört. Als wäre auch er ein Haustier gewesen, mit dem ihr nicht klargekommen seid. Um ehrlich zu sein, wäre es katastrophal geendet, wäre er länger bei uns geblieben, und das, was wir mit ihm erlebt haben, war schon schlimm genug.
Mein Bruder wurde von dir am ehesten bevorzugt. Er war zumindest früher dein Lieblingskind. Wir beide haben abends zusammen „Dragonball Z“ geschaut, und immer, als die Werbung anfing, sind wir die Treppen heruntergestürzt, um mit dir kuscheln zu können. Er war öfter schneller als ich und du hast ihn lieber geknuddelt als mich oder meine Schwestern. Keine Ahnung, wieso. Wir wurden immer beschuldigt, Geld aus deinem Portemonnaie geklaut zu haben. Dabei war das mein Bruder. Jener hat uns immer provoziert und wir Mädels haben dafür Ärger bekommen. Der Blödmann kam mit allem durch. Und was hat er heute davon? Große Probleme, die er sich selber zuzuschreiben hat. Mit ihm habe ich am wenigsten Kontakt. Sein Charakter ähnelt deinem leider sehr.
Witzig finde ich auch, dass du und Papa euch darüber aufregt, dass ich euch so selten besuche. Warum wohl? Seitdem ich endlich ausgezogen bin, geht es mir so viel besser. Ihr geht mir nicht auf die Nerven, ich habe meine Ruhe, bin nicht deine persönliche Bedienstete und muss mir deine schlechte Laune nicht antun. Trotzdem kann ich nicht tief durchatmen. Ihr seid traurigerweise noch zu sehr präsent in meinem Leben und hindert mich daran, meinen eigenen Weg zu gehen, obwohl ich erwachsen bin und meine eigenen Entscheidungen treffe. Ihr habt noch zu viel Einfluss auf mich.
Und genau das braucht ihr, um einen Sinn in eurem Leben zu haben. Die Kontrolle über uns, die ihr nicht aufgeben könnt, beziehungsweise wollt. Euer andauerndes Eingemische, eure blöden Kommentare, eure „hilfreichen Tipps“, die ihr euch sonst wohin stecken könnt. Ihr glaubt, ihr hättet die Weisheit mit Löffeln gefressen, vor allem du. Gönnst deinen eigenen Kindern nichts und rätst uns von allem ab oder ziehst alles ins Negative. Nur, weil deine eigenen Erfahrungen schlecht waren. Du kannst nicht immer alles verallgemeinern oder glauben, dass es nur den einen Weg gibt. Es gibt viele Möglichkeiten, um sein Ziel zu erreichen und wenn man eben einen oder mehrere Umwege geht. Eigentlich habe ich mir vorgenommen, einen Brief an dich zu schreiben und nicht auch noch Papa mit einzubeziehen. Auf der einen Seite, kommen diese Worte leicht über meine Lippen, andererseits fühle ich mich nicht wohl dabei. Irgendwann habe ich aufgehört ein Mama und Papa Kind zu sein oder an Weihnachten ein Gedicht aufzusagen. Ich sah keinen Sinn mehr darin. Genauso wenig wie euch einen Gute Nacht Kuss zu geben. Eines Tages habe ich meine Hoffnung begraben, eine intakte Familie zu haben. Meine große Schwester sagt zwar schlimmer geht immer, aber da lege ich keinen Wert drauf. Was bringt mir das denn, an ihre Worte zu denken, wenn es mir trotzdem bescheiden geht und das ist noch nett ausgedrückt. Dieses scheinheilige Getue von dir. Was bringt dir das? Gar nichts. Du tust nichts aus reiner Höflichkeit. Es steckt immer ein Gedanke dahinter und zwar selber gut dazustehen.
Um es mit anderen Worten auszudrücken: du hast uns seelisch verwahrlosen lassen. Als wir von der Schule nachhause gekommen sind, hast du auf der Couch gelegen und geschlafen und wehe wir waren zu laut! Wenn wir uns was zu essen aus dem Kühlschrank nehmen wollten, kamst du direkt damit an, dass wir gemeinsam zu Abend essen, wenn unser Vater von der Arbeit kommt. Wir durften mit durchnässten Broten zur Schule gehen. Irgendwann habe ich aufgehört morgens zu frühstücken, weil ich keinen Appetit hatte. Das zog sich immer weiter. Ich habe nicht mehr zugenommen und das schon seit zwanzig Jahren. Während des Studiums vor sieben Jahren, hatte ich mit einem Reizmagen zu kämpfen, der durch den vielen Stress entstanden ist. Auch da hast du deinen Teil zu beigetragen. Bist mal wieder laut geworden und hattest kein Verständnis. Leider habe ich zu dem Zeitpunkt noch bei euch gewohnt. Das Studium habe ich abbrechen müssen und du hast weiter Druck gemacht. Vor kurzem habe ich die Diagnose einer Essstörung erhalten. Das hätte ich mir auch denken können. Und auch das verstehst du nicht. Eine Essstörung bedeutet nicht automatisch, dass ich magersüchtig bin oder Bulimie habe. Denn beides trifft nicht zu. Ich möchte gerne zunehmen, es klappt aber nicht. Ihr liegt mir schwer im Magen, keine Ahnung, was meine Erfahrungen mit euch in mir ausgelöst haben. Ob es an mangelnder Liebe liegt oder deiner ekelhaften Art, Essen vor und zuzubereiten oder Traumata, die ihr mir zugefügt habt. Wie oft habe ich mir gedacht, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn du mich abgetrieben hättest. Es gab Phasen in meinem Leben, in denen ich dich dafür gehasst habe, dass du mich auf die Welt gebracht hast. Ob Karma wohl auch auf diese Weise an deine Türe geklopft hat? Schön, dass ich auch darunter leiden muss...
Im Moment habe ich nichts als Verachtung für euch beziehungsweise dich übrig. Ich bin froh, dass ich den Zicken Status in der Familie innehabe und ihr euch deswegen nicht so oft bei mir meldet. Mit euch macht es traurigerweise keinen Sinn mehr. Das hört sich jetzt wahrscheinlich hart an, aber ich glaube, dass meine Geschwister und ich erst auf eigenen Beinen stehen können, wenn ihr nicht mehr da seid. Der Gedanke daran bricht mir das Herz! Die Zeiten, an denen ich dir einen schönen Muttertag gewünscht habe, sind vorbei. Du hast es nicht verdient, als eine Mutter bezeichnet zu werden. Das bist du nämlich nicht und das wirst du auch niemals werden. Also wünsche ich dir hiermit alles böse zum Muttertag. Das passt wesentlich besser!
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