Bewertung: 🌟🌟🌟🌟🌟
"Grenznebel - Im Irrgarten des Verstandes." von Senta Herrmann
Taschenbuch Ausgabe - 11. Februar 2019
Herausgeber: Books on Demand
Seiten: 360
Preis: 11,99€
Inhalt: Die Castell-Geschwister würden ihre Kindheit am liebsten vergessen. Misshandlungen waren für den jüngeren Noah an der Tagesordnung, bis Gabriels Eingreifen das Blatt wendete und den beiden zur Adoption verhalf. Noahs labile Psyche allerdings verwehrte ihm die Chance auf ein normales Leben. Der vermeintliche Mord am besten Freund seines Bruders brachte ihn im Jugendalter in die Psychiatrie. Zehn Jahre später holt Gabriel ihn zurück. Doch Noahs Psychosen werden zur Zerreißprobe für ihn und sein Umfeld. Als dann der korrupte Psychiater Noahs tot aufgefunden wird, beginnt die Uhr zu ticken. Ein emotionaler Psychothriller mit spannenden Wendungen und einem Finale, das Gänsehaut beschert.
Meine Meinung: Der Prolog hat bei mir einige Fragen aufkommen lassen, die sich im Laufe der Geschichte beantwortet haben. Noah und sein älterer Bruder Gabriel, wachsen in einem Elternhaus auf, welches nicht gerade den besten Bedingungen entspricht ... kurzum: deren Eltern drehen ein "kleines" bisschen durch. Durch eine glückliche Fügung, werden die Geschwister von einer anderen Familie (Castell) adoptiert und wie ihre eigenen behandelt und groß gezogen. Das Verhältnis dieser Familie ist bei weitem besser. Solange, bis etwas furchtbares passiert und Noah in einer psychiatrischen Klinik landet ...
Nach seinem zehnjährigen Aufenthalt, wird Noah von seinem Bruder Gabriel abgeholt und versucht, sich an seine Umgebung und die Menschen zu gewöhnen. Es hat sich einiges verändert. Gabriels beste Freundin Helena und der Adoptivbruder Alex sind ebenfalls mit an Bord und versuchen zu helfen wo sie können. Nur leider, gestaltet sich diese Aufgabe schwieriger als gedacht ...
Ich fange mal mit der Erzählperspektive an, denn diese war etwas anders, als ich sie sonst kenne. Es werden einige Szenen aus der Sicht von Noah, Gabriel und dem auktorialen Erzähler wiedergegeben. Auf diese Weise, konnte ich die Gefühle der Charaktere sehr gut nachempfinden und mich super in ihre derzeitige Lage hineinversetzen. Durch die Flashbacks, wurde nochmal auf die Vergangenheit der beiden Geschwister eingegangen, die mir vor Augen geführt hat, wie grausam es ihnen ergangen sein muss. Was die beiden durchmachen mussten, welches Problem dafür gesorgt hat, dass Noah schlussendlich in der Klinik gelandet ist und wie es ihm während seines dortigen Aufenthaltes ging ... Der arme Kerl hat mir unendlich leid getan!
Ich finde, dass die Charaktere alle extrem sympathisch sind und eine gewisse Tiefe besitzen. Sie unterstützen sich gegenseitig und lassen einander niemals im Stich. Ich habe deutlich gemerkt, dass Noahs Verhalten, an den Nerven der anderen gezerrt hat. Die aufkommenden Emotionen waren für mich sehr spürbar. Ich hatte wirklich das Gefühl, dabei gewesen zu sein und wüsste nicht, wie ich manchmal reagiert hätte.
Dafür, dass Noah zehn Jahre lang in der Klapse war, ist er doch sehr umgänglich, aber auch sehr anstrengend, was an seinem kindlichen Verhalten liegt. Jenes kann ich sehr gut nachvollziehen, da er eben eine harte Vergangenheit hinter sich hat. Seine Wahrnehmung der Realität ist ein bisschen verzerrt. Er ist Borderliner und hat mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen. Seine Stimmungsschwankungen sind extrem ausgeprägt und sorgen für manch einen Schockmoment. Trotzdem finde ich diesen Typen total nett und sehr fürsorglich. Auf der einen Seite, möchte er keinen Babysitter haben, aber auf der anderen Seite, möchte Noah am liebsten die ganze Zeit bei Gabriel sein. Ich konnte gewisse Handlungen ebenfalls sehr gut nachvollziehen und hatte Verständnis für seine Verhaltensweisen.
Gabriel ist der ältere Bruder von Noah und macht sich große Vorwürfe, was das Thema angeht, weshalb sein Bruder in einer psychiatrischen Klinik festsaß. Er ist sich nicht sicher, ob er der Aufgabe gewachsen ist, auf ihn aufzupassen bzw. sich die ganze Zeit um ihn zu kümmern. Seine Verzweiflung und Noah, haben ihn meistens zur Weißglut getrieben. Vor allem, aber die Tatsache, dass anscheinend jemand hinter seinem Bruder her ist. Gab tut wirklich alles dafür, dass es Noah gut geht und beschützt diesen vor jeglichen Gefahren.
Helena ist die Schwester von Matt, der ehemalige beste Freund von Gabriel. Sie war in ihrer Kindheit in Noah verliebt und hat ebenso wie die Familie Castell versucht, ihn aus der Anstalt herauszuholen, was leider nicht so ganz geklappt hat. Sie nimmt sich Zeit, um für Noah da zu sein, wodurch sich die beiden von Zeit zu Zeit etwas näher kommen. Ihre Art ist sehr herzlich und offen. Auch sie musste einiges durchmachen ...
Der Schreibstil hat mir sehr, sehr gut gefallen! Jener war düster, spannend, unterhaltsam und das an den richtigen Stellen. Ich habe mitgelitten und gefiebert, habe sehr viel in Frage gestellt und mitgerätselt. Und ich lag bis zum Ende daneben. Wegen dem Cover, dachte ich anfangs, dass die Geschichte mega gruselig wird. Das war zum Glück nicht zu hundert Prozent der Fall. Es waren einige gruselige Szenen vorhanden, aber nicht durchgehend, sodass ich Albträume bekommen hätte. Eine Sache gibt es dennoch, die mich nicht loslässt.
Noah hat ein besonderes äußerliches Merkmal, weshalb es zu den Problemen zwischen ihm und seinen leiblichen Eltern kommt. Danach wird es überhaupt nicht mehr angesprochen, beziehungsweise thematisiert. Wahrscheinlich, weil der Fokus der Geschichte woanders liegt, aber irgendwie beschäftigt mich das immer noch.
Die Autorin hat es geschafft, mich in die Irre zu führen, sodass ich selber an meinem Verstand gezweifelt habe. Meinen riesen Respekt dafür, dass es ihr Debütroman ist und mich schon dermaßen umgehauen hat! Sehr schön, da vor allem auch Tabuthemen angesprochen und behandelt werden. Ich bin mir immer noch nicht sicher, was wahr ist und was nicht. Ich habe mich regelrecht in dieser Story verloren, in dem Irrgarten von Noahs Verstand. Die ganzen Handlungen sind so plausibel und ergeben einen Sinn. Das Ende hat mich echt schockiert und fassungslos zurückgelassen.
Fazit: ein schaurig, spannender Psychothriller, der mich immer noch nicht loslässt, mich regelrecht dazu bringt, einige Dinge zu hinterfragen und über einiges nochmal nachzudenken.
Vielen Dank an die Autorin für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares!

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen