Mein Herz ist gebrochen

Bewertung: 🌟🌟🌟🌟🌟


"Das Kind ist nicht abrichtfähig" von Andreas Kinast
Gebundene Ausgabe - 12. Juli 2021
Herausgeber: Böhlau Köln
Seiten: 328
Preis: 35,00€

Inhalt: Unter strengster Geheimhaltung begann 1939 im Rahmen des nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Programms die Erfassung und Begutachtung aller Psychiatriepatienten und parallel dazu die von körperlich und geistig behinderten Kindern, die in sogenannte ‚Kinderfachabteilungen‘ eingewiesen wurden. Während man den Angehörigen vortäuschte, den Kindern würde die modernste und bestmögliche medizinische Betreuung zuteil, wurden tatsächlich dort die meisten von ihnen ermordet. In Waldniel bei Mönchengladbach wurde im Jahr 1941 eine solche Abteilung eingerichtet, die mit einer Kapazität von ca. 200 Betten zu den großen Einrichtungen dieser Art zählte. In der Zeit ihres Bestehens sind hier insgesamt 99 Kinder gestorben. Das Buch wertet erstmals die noch vorhandenen Unterlagen dieser Abteilung umfassend aus. Nicht nur Prozess- und Personalakten, auch Krankenakten wurden in die Analyse einbezogen. Darüber hinaus hat der Autor Zeitzeugen ausfindig gemacht und befragt, die zum Teil einzigartiges Quellenmaterial aus Familienbesitz beisteuerten. Die hier jetzt vorgelegte überarbeitete Neuauflage kann nun u.a. auch die 2018 eröffnete neue Gedenkstätte in Waldniel mit berücksichtigen, die nicht zuletzt infolge des durch dieses Buch verstärkten öffentlichen Interesses entstanden ist.

Meine Meinung: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob meine Worte ausreichen, um das auszudrücken, was ich während des Lesens und danach gefühlt habe beziehungsweise fühle. Meine Rezension wird etwas ausführlicher werden.

Als ich noch ein Kind war, haben wir in Hostert eine damalige Bekannte meiner Mutter besucht, die dort einen Bauernhof hatte. Gegenüber von diesem befindet sich die sogenannte Kent-School, dessen Name ich schon so oft gehört habe. Damals war ich total fasziniert von dem Gebäude, welches mich regelrecht in den Bann zog. Das hat sich bis heute nicht geändert. Erst vor ein paar Jahren habe ich herausgefunden, was sich wirklich hinter diesen Mauern abgespielt hat. Dieses Wissen hat mich innerlich regelrecht zerstört und zutiefst erschüttert. Wir haben noch nicht mal im Geschichtsunterricht darüber geredet, dass während des Zweiten Weltkriegs in Waldniel solch eine Gräueltat begangen wurde. Im nachhinein hat mich das sehr wütend gemacht, denn solch eine unmenschliche Tat darf niemals in Vergessenheit geraten! Dazu muss ich sagen, dass mich das Schild auf dem Gedenkstätte steht, verstärkt dazu bewogen hat, zu recherchieren.

Ich habe vor ein paar Wochen aufgrund einer Anthologie Ausschreibung nochmals zu diesem Thema recherchiert und durch "Zufall" (ich glaube nicht an Zufälle) dieses Buch entdeckt, das ich mir unbedingt kaufen musste. Ich habe mir Zeit lassen müssen, es zu lesen, gleichzeitig wollte ich aber mehr erfahren und konnte es nicht aus der Hand legen. Einen großes Dankeschön an den Autor, der sich mit der grausamen Wahrheit auseinandergesetzt und so viel recherchiert hat, um dieses Werk schreiben zu können! Ich kann mir vorstellen, dass Herr Kinast mehrmals über seine Grenzen gegangen ist.

Er geht ausführlich auf den geschichtlichen Hintergrund ein, auf die Kindermörder (anders kann ich es nicht ausdrücken), die Betroffenen und Opfer. Wie genau alles ablief, was für Lügen genutzt wurden, um dieses Verbrechen begehen zu können und sich aus diesem herauszureden (da ist mir beinahe der Kragen geplatzt!) Wie unmenschlich mit diesen armen unschuldigen Seelen umgegangen wurde! Ich musste mehrmals Pausen machen, weil ich emotional total fertig war und mir besonders bei den einzelnen Opfern, auf die genauer eingegangen wurde, die Tränen liefen. Diese ganze Thematik geht mir immer sehr nahe und begleitet mich schon sehr lange.

Ich fand es wichtig, dass der Autor Bilder und Todesbescheinigungen sowie offizielle Schreiben und Briefe mit einbezogen hat, um die grausame Realität noch mehr zu verdeutlichen. Mit was für Worten über Menschen mit seelischen oder körperlichen Beeinträchtigungen geredet wurde, hat mich unfassbar angewidert. Die Art und Weise, wie die Eltern angelogen worden sind, um deren Kinder hinterrücks zu ermorden ... Ich finde keine Worte dafür! Mein Herz zerbrach in tausend Teile!

Ohne mich in den Vordergrund schieben zu wollen, möchte ich kurz anmerken, dass ich seit meiner Kindheit an Depressionen leide und mit den Jahren Angstzustände und Somatoforme Störungen hinzukamen. Ich wäre zu dieser Zeit auch ermordet worden. Mir diese Gräueltat vor Augen zu führen und vorzustellen, wie es damals gewesen sein muss, erschüttert mich nach wie vor zutiefst! Noch heute müssen wir dafür kämpfen gehört und ernstgenommen zu werden. Gegen Vorurteile und Stigmata vorgehen. Wir sind alle Menschen und lebenswert!

Ich bin definitiv gegen das Vergessen! Ich werde die Wahrheit rund um die ehemalige Kinderfachabteilung niemals vergessen! Ich hoffe, dass mehr Menschen darauf aufmerksam werden und sich damit auseinandersetzen. Wir dürfen niemals zulassen, dass so etwas noch mal passiert!

Ich hoffe und bete, dass die armen kleinen Seelen ihren Frieden gefunden haben beziehungsweise finden konnten. Obwohl das für mich schwer vorstellbar ist. Dennoch hoffe ich, dass sie mit ihrer Familie wieder vereint sind. ♥

Ich konnte mit meinen Worten tatsächlich nicht annähernd das ausdrücken, was ich gerne noch gesagt hätte. Ich bin wirklich dankbar dafür, dass der Autor dieses Buch geschrieben und veröffentlicht hat. Das die Wahrheit über dieses grauenvolle Verbrechen ans Licht kommt und auf diese Weise nicht in Vergessenheit gerät. Wenn ich soweit bin, möchte ich auf jeden Fall die Gedenkstätte besuchen und ein Zeichen gegen das Vergessen setzen!

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