Von großer Angst gepackt, reiße ich meine Augen auf und kann
absolut nichts erkennen. Es herrscht pure Dunkelheit. Ich kann nicht
mal meine Hand vor Augen sehen. Schlagartig überkommt mich
furchtbare Panik. Mein Atem geht stoßweise, es fühlt sich an, als
würde jemand eine Schlinge um meinen Hals legen und jeden Moment
zuziehen. Plötzlich höre ich Schritte, die auf mich zukommen. Kann
deren Richtung nicht genau lokalisieren. Blindlings greifen meine
Hände unter das Kopfkissen, um nach dem Handy zu wühlen. Es ist
nicht da. Verdammt! Ich brauche Licht. Schon als kleines Kind hatte
ich immer riesige Angst, im Dunkeln alleine zu sein. Mit zitternden
Händen hebe ich die Decke an, um mich darunter zu verstecken. Die
Schritte werden lauter und kommen näher. Aus meiner Kehle dringen
komische Laute, die selbst ich nicht identifizieren kann. Bin wie
gelähmt und liege zusammengerollt unter meiner schützenden Hülle.
Im nächsten Moment spüre ich eine Hand auf der Decke, die zugreift
und jene mit einem Ruck von mir zieht. In dieser Sekunde bricht ein
gellender Schrei aus mir heraus, der mich ins Hier und Jetzt
zurückbefördert.
Unter größter Anstrengung öffne ich meine Augen und setze mich ruckartig auf. Ein großer Fehler, wie ich merke, denn mir wird sofort schwindelig. Den Kopf in einer Hand stützend, sitze ich mehrere Minuten da und versuche krampfhaft mich nicht zu übergeben. Mein Zimmer ist lichtdurchflutet, was bedeutet, dass es Morgen ist. Ruhig atmend versuche ich den Albtraum zu verarbeiten, dieser hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, denn ich fühle mich beobachtet und scanne den Raum direkt nach möglichen Gefahren ab. Da kommt wieder meine paranoide Ader durch. Der Traum hat sich so real angefühlt, als ob mir das Geschehene letzte Nacht wirklich passiert wäre. Nur mal so zum Testen, schalte ich die Nachttischlampe ein, deren Schein direkt in mein Gesicht leuchtet und mir somit Tränen in die Augen treibt. Sie funktioniert noch. Natürlich tut sie das! Wieso auch nicht? Genervt über mich selbst schüttele ich den Kopf und lasse mich nach hinten auf die Kissen fallen. Ich deute öfter meine Träume, weil ich weiß, dass mir mein Unterbewusstsein etwas mitteilen möchte. So auch in diesem Fall. Die Angst vor dem Alleinsein, niemanden hier zu haben, der für mich da ist. Mit dieser Unsicherheit bin ich leider aufgewachsen. Mama und Papa waren nicht gerade die besten Vorzeigeeltern und haben sowohl meine Geschwister als auch mich mit Desinteresse und emotionaler Kälte gestraft. Enttäuschenderweise waren die beiden zu sehr mit sich selbst und ihrem Alkoholkonsum beschäftigt. Immer wieder denke ich an diese schlimmen Zeiten zurück, die mich unter anderem so dermaßen verstört haben, dass ich seitdem an Depressionen leide. Ich interpretiere gerade definitiv zu viel in diesen Traum hinein. Damals ist damals und heute ist heute. Die Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern. Zwar versuche ich, jene zu akzeptieren, aber noch will mir das nicht so ganz gelingen. In der Vorstellung hört sich das so leicht an, aber in der Realität sieht es leider anders aus. Dafür trage ich zu viele innere Narben und Traumata mit mir herum, die mich daran hindern, ein halbwegs glückliches Leben führen zu können. Möchte ich wirklich derart negativ in den Tag starten? Es ist ja nicht so, als ob es sonst anders wäre. Schön, dass jetzt auch noch mein Pessimismus dazustößt. Ich zu sein, ist extrem anstrengend. Ich hänge mittlerweile in einem zu tiefen Loch fest, aus dem ich nicht mehr herauskomme. Eine helfende Hand wurde mir noch nicht gereicht. Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf.
Was steht denn für heute an? Es ist Wochenende und normalerweise fahre ich samstags zur Niers in der Nähe meiner alten Heimat. Ob ich mir damit einen Gefallen tue? Ja, denn dort habe ich schöne Erinnerungen gesammelt. Dieser Trip ist zumindest ein kleiner Lichtblick für heute. Sonst liege ich im Bett und vegetiere vor mich hin. Am Wochenende ist es wirklich am schlimmsten. Deshalb tut es auch mal gut, hinauszugehen und mich in die wunderschöne Natur zu begeben. Zur Belohnung gibt es einen heißen Latte Macchiato Medium und eine Laugenstange für den Spaziergang. Wie oft habe ich mir eine intakte Familie gewünscht, die mich unterstützt und für mich da ist? Stattdessen war das Gegenteil der Fall. Es gab keinen Ort, an dem ich mich heimisch oder zugehörig gefühlt habe. In der Schule war meine Wenigkeit das Mobbingopfer schlechthin. Selbst Lehrer hatten Spaß daran, mich bloßzustellen. In meinem Umfeld gab es ebenfalls Kandidaten, die es witzig fanden, mir das Leben zur Hölle zu machen, sodass ich mit vierzehn Jahren zum ersten Mal Suizidgedanken hatte. Ich war laut deren Aussage nicht hübsch oder cool genug. Zu dünn, was mir Spitznamen wie Spargeltarzan, Klappergestell oder Magersüchtige einbrachte. Neben meinen Geschwistern konnte ich eben nicht mithalten, weshalb ich mich immer mehr zurückzog und mich kaum noch hinausgetraut habe. Zu Hause war es aber auch nicht besser. Ich habe nie gelernt, mich selbst zu lieben. Kenne das auch nicht, weil meine Eltern uns nie das Gefühl gegeben haben. Bin eher Ausgrenzung und Ablehnung gewöhnt. Jetzt bin ich so sehr in Gedanken vertieft, dass ich den schmalen Weg zur Niers betreten habe, ohne auf den Abenteuerspielplatz zu achten, den wir früher beinahe jeden Tag besucht haben. Links und rechts von mir erstrecken sich hektarweise Felder, die von Bäumen gesäumt sind. Zwischen ihnen fließt die Niers ruhig vor sich hin. Gerade stehe ich vor der Entscheidung, welchen Weg ich einschlagen soll. Meine Beine bewegen sich automatisch nach links in Richtung Tote Autobahn. Jene wurde nicht mehr weitergebaut, weshalb man ihr diesen Namen gab. Mittlerweile habe ich den Kaffee fast ausgetrunken, die Laugenstange jedoch nicht angerührt. Hier müsste gleich eine Band kommen, auf der ich eine Pause einlegen werde, sofern dort niemand sitzt. Tatsächlich schaffe ich es sogar, die Ruhe und das Gezwitscher der Vögel zu genießen. Um mich herum blüht das volle Leben der Natur auf, was mich völlig fasziniert. Es stimmt absolut, dass sich Menschen mit seelischen Erkrankungen öfter in solchen Gebieten aufhalten sollten. Im Einklang zu sein, sich abzulenken, den Kopf frei zu bekommen und mich sich selbst ins Reine zu kommen. Tief durchatmend, füllen sich meine von Asthma belästigten Lungen mit Luft. Die Bäume ordentlich Schatten, sodass die Hitze zum Glück nicht ganz durchdringt. Mir sind bisher nicht so viele Menschen entgegengekommen. Weder Jogger noch Spaziergänger oder Fahrradfahrer. Vielleicht liegt es auch daran, weil es noch ziemlich früh ist.
Der Tisch mit den zwei Bänken ist leer, weshalb ich mich direkt dorthin begebe und mich setze. Links von mir ist eine kleine Brücke, die in Richtung Tote Autobahn führt. Früher haben wir hier mit den Betreuern des Abenteuerspielplatzes eine Nachtwanderung gemacht. Ich vermisse die Zeiten ein wenig. Nachdenklich krame ich meine Laugenstange aus der Tasche und beginne diese anzuknabbern. Vor mir sind verschiedene Felder, auf denen Pferde grasen. Auf der anderen Seite befindet sich ein Pferdehof. Dies wird meine Strecke für den Rückweg sein. Schon seit zwanzig Jahren leide ich an Depressionen. Mir das nochmal klarzumachen, zeigt doch eigentlich wie stark ich bin, oder? Wieso fühle ich mich dann nicht so? Es fühlt sich so an, als würde mich ein dunkler Schleier umhüllen, der mich jeden Tag begleitet und sich nicht abschütteln lässt. Ich wache morgens mit ihm auf und gehe abends mit ihm ins Bett. Meine Familie hat leider kein Verständnis für meine Erkrankung. Ich brauchte nie auf Unterstützung zu hoffen, geschweige denn um Hilfe zu bitten. Sie schämen sich für mich, da bin ich mir zu hundert Prozent sicher. Aufgrund von psychosomatischen Störungen war ich bedauerlicherweise dazu gezwungen, das Studium in Germanistik und Keltologie vorzeitig zu beenden. In diesem Moment, als ich mich habe exmatrikulieren lassen, brach mein Herz in klitzekleine Teile. Ich wollte so sehr studieren und irgendwann vielleicht mal als Lektorin arbeiten, aber das wird wahrscheinlich niemals der Fall sein. Damals wohnte ich noch bei meinen Eltern, die nur Stress verursachten. Vor allem Mama, die immer meinte, ich solle mir doch endlich mal Arbeit suchen. Obwohl sie gesehen hat, wie schlecht es mir ging, sogar mit einem Reizmagen, war es ihr schlichtweg egal. Es gab keine tröstenden Worte, Feingefühl, Verständnis oder emotionale Wärme. Dabei sehnte ich mich immer danach! Ich weiß schon gar nicht mehr, wie mein Leben vor der Depression aussah. War ich jemals glücklich? Ich habe so vieles verdrängt und einige Erinnerungen sind verblasst. Woran kann ich denn noch festhalten? Passive Suizidgedanken begleiten mich schon seit ein paar Jahren und ich habe Angst davor, dass diese eines Tages aktiv werden. So weit wird es nicht kommen! Diesen Triumph gönne ich meiner Depression nicht. Meine Seele hat erhebliche Schäden davongetragen und ich weiß nicht, was ich tun kann. Selbst mein Körper meldet sich am laufenden Band mit Beschwerden. Es herrscht keine Balance zwischen Körper und Geist. Ich bin eine leere Hülle, die umherläuft und überhaupt nicht lebt. Mein Leben braucht mehr Farben, ein Kontrast zu all dem Grau.
Mir fehlt Liebe, Geborgenheit und Sicherheit. Wie oft lag ich im Bett und habe mir gewünscht nicht mehr aufzuwachen? Begleitet von innerer Leere, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und Traurigkeit. Seit Jahren schleppe ich mich durch das Leben und habe meine kindliche Fröhlichkeit und Unbeschwertheit verloren. Jene Eigenschaften sind mit dem Älter werden gestorben und haben einen kalten Menschen zurückgelassen, der jeden von sich stößt und nicht in der Lage ist, jemanden nahe an sich heranzulassen. Dabei meine ich das nicht mal böse. Ich kann es einfach nicht! Ich ertrage deren Nähe nicht, weil ich Angst habe. Angst vor Nähe und Intimität. Dabei hätte ich schon gerne jemanden an meiner Seite, der für mich da ist und mich aus meiner Dunkelheit befreit.
Selbst hier an meinem Platz kann ich meine dunklen Gedanken nicht abschütteln, die mir erneut Tränen in die Augen treiben. Es haben sich immer mehr Ängste manifestiert, die mich daran hindern, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und mich weiterzuentwickeln. Wo gehöre ich denn hin? Zu den Gezeichneten. Meine Arme sind mit Narben übersät, die ich mir selber zugefügt habe. Mama und Papa sagen dazu "Verstümmelung." Nur weil man seelische Krankheiten nicht sieht, heißt das nicht, dass diese nicht da sind. Mir fehlt die Kraft, für mich selber einzustehen und meine inneren Wunden sichtbar zu machen. Habe ich mir Hilfe gesucht? Ja, aber war sie auch wirklich hilfreich? Nein! Mir ist gerade der Appetit vergangen, das restliche Stück der Laugenstange wird zu Hause gegessen. Mir fällt es schwer zu glauben, dass irgendwann alles besser wird. Wenn ich an meine Zukunft denke, sehe ich immer ein schwarzes Loch. Ich bin Realistin und kann mir utopische Gedanken nicht erlauben. Wie oft bin ich schon enttäuscht worden, was Hoffnung und Wunschdenken betrifft? Träume sind wichtig, das ist mir bewusst. Sowie Ziele, damit ich nicht orientierungslos umherschweife. Aber meine Ängste stehen mir im Weg. Meine Ängste und Depressionen. Letztere wird mir nie wieder von der Seite weichen. Ich muss lernen, mit ihr zu leben. Innere Wunden, die mir angetan worden sind. Werde ich sie jemals verarbeiten können? Gibt es jemanden, der meine Seele noch retten kann? Mit dieser Frage verlasse ich meinen Platz und mache mich auf den Weg zurück in mein trostloses Leben.
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