Was ist aus uns geworden?

 Lieber Papa,

unsere Beziehung ist nicht immer einfach gewesen. Ich frage mich, wann wir beide an dem Punkt der Entfremdung angelangt sind. Ich kann mich noch daran erinnern, dass du damals Videos von uns aufgenommen hast und wir die Kassetten öfter angeschaut haben. Den Flair der 90er Jahre vermisse ich sehr, obwohl ich nicht allzu viel davon mitbekommen habe. Mama hat noch ein paar Bilder von früher aufbewahrt, von denen ich mir welche aussuchen und mit nachhause nehmen durfte. Auf einem hältst du mich hoch, während wir vergnügt lachen. Da war ich ungefähr anderthalb Jahre alt. Wo sind die unbeschwerten Zeiten hin? Früher war ich ein Mama und ein Papa Kind. Ich habe meistens geweint, wenn du zur Kur musstest oder ins Krankenhaus. Ich gab euch beiden bis zu einem bestimmten Zeitpunkt noch einen gute Nacht Kuss, habe an Weihnachten Gedichte aufgesagt oder mir sonst was einfallen lassen, um eure Aufmerksamkeit zu bekommen. All das war nicht mehr der Fall, als du und Mama Alkohol rückfällig wurdet. Leugnen ist zwecklos! Die Zeit auf dem Campingplatz war furchtbar. Du hast zwar mit meiner großen Schwester geredet und dir deine Fehler eingestanden, machst sie aber trotzdem immer wieder. Also kannst du dir deine Worte auch sparen. Ich möchte dir keine Vorwürfe machen, aber ein paar Dinge müssen einfach angesprochen werden. Leider kommen kaum positive Erinnerungen hoch, denn alles Negative überwiegt. Du warst zwar die meiste Zeit über arbeiten, aber das war vollkommen in Ordnung, denn du warst der Hauptverdiener in der Familie. Mama hat natürlich nichts dazu beigetragen, sondern sich jahrelang vom Amt abhängig gemacht. Wenn du mal Zuhause warst, wurde freitags kräftig gesoffen oder gemeckert. Ihr wart keine Vorbilder und habt euch keine Mühe gegeben, uns überhaupt irgendwie zu erziehen. Wir wurden an sämtliche Institutionen abgeschoben und mussten gucken, wie wir unsere Zeit vertreiben. Natürlich waren wir als Kinder und Teenager sehr anstrengend, aber das ist doch normal, wenn die Pubertät eintritt. Wir hatten keinen Respekt vor dir, so wie du das wahrscheinlich dachtest, sondern Angst! Es war mehr als verstörend für mich, euren öffentlichen Akt auf dem Campingplatz mitzubekommen. Ihr habt das alles heruntergespielt. Du mit deinen Aussagen immer. „Stell dich mal nicht so an!“, oder „Und du bist es Schuld!“, weißt du eigentlich, was du damit anrichtest? Nein, denn wir hatten es noch lange nicht so schwer, wie ihr es in eurer Kindheit hattet. Jedes Mal, wenn wir mit dir Hausaufgaben machen mussten, zum Glück nur Mathe, warst du extrem ungeduldig. Auch da hatten wir Angst, dass du jeden Augenblick ausrasten würdest. Ich habe mich so oft gefragt, ob wir vielleicht Schuld daran waren, dass ihr wieder angefangen habt zu trinken. Ihr wart sichtlich überfordert mit uns, sich die Zeit angenehm zu saufen, kam euch da sehr gelegen. Vor allem deine Weibergeschichten hättest du dir schenken können. Die waren nicht für Kinderohren gemacht. Daran habe ich gemerkt, dass auch du einen widerlichen Charakter hast. So typisch, du darfst alles, aber deine Frau nicht. Richtig ekelhaft war auch die Tatsache, dass du dir häufig Bilder von nackten Frauen angeschaut hast und wir uns laut bemerkbar machen mussten, damit du die rechtzeitig wegklicken konntest. Was ist bei euch beiden schiefgelaufen, dass du so etwas nötig hattest? Wieso habt ihr euch dann nicht getrennt? Sogar wir, eure Kinder haben euch den Vorschlag gemacht, dass dies vielleicht sogar besser für euch wäre. Und das soll schon was heißen!

Ich glaube nicht, dass ich wissen möchte, was alles zwischen dir und Mama vorgefallen ist. Einander auszuhalten ist aber keine Lösung. Euch uns Kindern aufzubürden, ja so kann man es am besten bezeichnen, war zu viel! Jeder von uns, vor allem meine älteste Schwester, mussten zu früh viel zu viel Verantwortung übernehmen. Vor ein paar Wochen dachte ich, dass du endlich anfängst gewisse Dinge zu reflektieren, aber der Schein trügt. Dazu müsstest du dir erst einmal deine Fehler eingestehen. Da aber immer alle anderen alles Schuld sind, kann das ja nichts werden. Ich kann nicht behaupten, irgendwas von dir gelernt zu haben, außer die Finger vom Alkohol zu lassen und mir im Gegensatz zu dir professionelle Hilfe zu holen. Wie oft hast du deinen eigenen Kindern gegenüber geäußert, dass du lieber sterben wollen würdest? Wenn es dir so beschissen geht, dann hol dir bitte Hilfe! Da du dir aber von niemandem etwas sagen lässt, nicht mal von Ärzten, kann dir wohl keiner mehr helfen. Du vegetierst vor dich hin und gibst nur noch dumme Sprüche von dir. Du weißt, dass uns das nervt, tust es aber immer wieder! Was bezweckst du damit, außer dass du uns weiter von dir wegschiebst? Du suhlst dich in Selbstmitleid, anstatt etwas zu ändern. Mag sein, dass du keine Kraft mehr dafür hast, aber es gibt immer einen Weg. Seelische Erkrankungen ziehen sich wie ein roter Faden durch unsere Familie. Es wäre hilfreich auch darüber sprechen zu können. Stattdessen wird alles totgeschwiegen und verheimlicht. Du trinkst noch heute deinen Alkohol, wahrscheinlich dein einziger Trost, der dir irgendwie Halt gibt. Ich würde mich so gerne mit dir austauschen, aber das Vertrauen ist vor Jahren verloren gegangen. Du würdest dir auch von mir nichts sagen lassen. Darum geht es aber nicht. Es geht sich darum, dass du nicht als einziger leidest. Wir alle haben unsere Probleme, aber da gehst du nie drauf ein. Du hast mal gesagt, dass du es traurig findest, dass wir dich nicht lieb haben würden. Doch, das haben wir! Es fällt uns schwer das zu zeigen, genauso wie euch. Kannst du wirklich mit stolz behaupten, ein guter Vater gewesen zu sein? Kann ich mit stolz behaupten, eine gute Tochter gewesen zu sein? Ich weiß es nicht, wahrscheinlich eher weniger. Es wurde im Auto geraucht, bei geschlossenen Fenstern. Du hast dich mit anderen Autofahrern angelegt, während deine Kinder dabei waren. Handelst ohne Rücksicht auf Verluste und es ist dir egal, welche Konsequenzen daraus entstehen. Wir durften im Haus die Drecksarbeit erledigen, während du deine blöden Kommentare abgelassen hast. Dann hättest du den Kram selber erledigen müssen!

Mir tut es in der Seele weh, so über euch zu reden. Ich habe mir immer eine intakte Familie gewünscht, aber das kann ich vergessen. Hilfreiche Tipps oder Ratschläge gab es von euch nie, sondern Gemecker, Vorwürfe und eure Sauf-Eskapaden. Es fällt mir schwer, euch zu verzeihen, aber ich muss das machen, um mit mir ins Reine zu kommen. Damit ich meinen Weg weitergehen kann. Klingt zwar egoistisch, aber ihr seid toxische Menschen, von denen ich mich fernhalten möchte, sogar muss, um mich gesund weiterentwickeln zu können. Ich ertrage eure bloße Anwesenheit schon überhaupt nicht und bin genervt, wenn ich daran denke, euch zu besuchen. Ihr kapiert aber auch gar nichts! Ich möchte nicht so enden wie ihr. Ich möchte mein Leben auf die Reihe bekommen und hatte lange die Hoffnung, dass ihr, vor allem du, es auch schaffen könntet. Denkst du auch manchmal an die alte Zeit zurück, in der du etwas glücklich warst? Warum quälst du dich so? Du wartest förmlich darauf, dass bald alles endet. Es tut mir leid, dass du dein Leben nicht als lebenswert betrachtest und lieber sterben würdest. Ich kann dich so gut verstehen! Du bist ein Erwachsener Mensch und hast dein Leben selber in der Hand. Ich wünschte, du könntest wieder glücklich sein und dich an den Dingen des Alltags erfreuen. Ich habe dich sehr lieb!

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