Vor dem Fenster stehend, schaue ich hinaus in die kalte Welt und hänge meinen Gedanken nach. Meinen Blick gen Himmel gerichtet, dessen grauen Züge mich melancholisch stimmen. Mein Atem prallt gegen die Fensterscheibe und verdunstet binnen weniger Sekunden. Ein Zeichen dafür, dass ich noch am Leben bin. Neben mir, eine in schwarz gehüllte Silhouette, die mich schon seit meiner Kindheit begleitet und mittlerweile Teil meines Lebens geworden ist. Eine seelische Erkrankung namens Depression. Aus ihren toten Augen starrt sie mich abwartend an. Wartet darauf, was ich als Nächstes tun möchte, um mir auch diesen Moment zu ruinieren. Deshalb setze ich mich zurück auf mein Bett und gebe mich ihr völlig ergeben hin.
Während die Welt da draußen im Chaos versinkt, versuche ich in meiner ein wenig Ordnung zu schaffen. Als ob es vorher nicht schon schwer genug für mich war, am Leben teilzunehmen, war dies seit einigen Monaten wegen der Corona Pandemie schlichtweg unmöglich. Diese hat mich vollends in die Arme meiner Depression und Angstzustände geworfen. Ich habe mich vor Jahren schon zurückgezogen und den Kontakt zu anderen Menschen gemieden. In den letzten zwei Jahren habe ich genauer hinter die Fassade einiger Mitmenschen blicken können. Das, was sich dahinter verborgen hat, hätte niemals an die Oberfläche gelangen dürfen. Corona hat aus ihnen bösartige Kreaturen gemacht, denen ich nicht mal am Tag begegnen möchte. Wir befinden uns in einer Art Dystopie, aus der es anscheinend kein entrinnen, mehr gibt.
Als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe, hatte ich aufgrund deren unhygienischen Lebensweise dauerhaft Panik, mich mit Corona zu infizieren. Mein Verhalten wies leichte paranoide Züge auf. Der Umzug in meine jetzige Wohnung war die Erlösung, auf die ich so lange gewartet habe. Unterstützung ist in meiner Familie leider ein Fremdwort. Seelische Erkrankungen sind tabu, obwohl diese allgegenwärtig sind. Auch in unserer Gesellschaft ist es schwierig, Hilfe zu bekommen. Therapeuten haben keine Kapazitäten mehr übrig, weil mehrere Menschen deren Hilfe in Anspruch nehmen. Was an sich echt toll ist! Nur steigen somit auch die Wartezeiten auf einen Platz. Geduld ist zum Glück eine meiner Stärken, aber ich weiß auch, wo meine Grenzen liegen.
Das Verhalten vieler Menschen hat mir gezeigt, dass es tatsächlich eine gute Entscheidung war, mich so gut es geht von ihnen fernzuhalten. Dabei brauchen wir dieses kollektive Miteinander. Manchmal fehlen mir die Worte oder ich habe das Bedürfnis einfach mal jemanden so richtig anzuschreien. Letzteres überwiegt momentan, denn meine Aggressionen werden stärker, sobald ich höre oder mitbekomme, wie sich so manch einer benimmt. Dadurch steigt auch meine Hilflosigkeit, denn in manchen Situationen kann ich nicht viel ausrichten. Ich werde ignoriert, übersehen oder gar nicht erst ernst genommen. Für mich ist das ein Normalzustand, den ich sehr verabscheue.
Wenn ich mal nicht vor mich hin vegetiere, schreibe ich Gedichte, um meine Gefühle auf das Papier zu bringen und meine Erfahrungen zu verarbeiten. Selbst dafür habe ich nicht immer Kraft. Ich habe nicht mal die Kraft dafür, mir etwas zu Essen zu machen. Meine negativen Gedanken sind Herr meiner geistigen Verfassung geworden. Ich lasse mich zu sehr von ihnen kontrollieren. Corona hat mir zusätzliche Lebensenergie geraubt. Wie oft habe ich mir vorgestellt, meine Sachen zu packen und einfach mal abzuhauen. Woanders Zeit zu verbringen und aus diesem verdammten Ort zu verschwinden. Aber wohin? Corona hat die ganze Welt unter Kontrolle. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, herrscht auch noch Krieg in Europa. Warum sind Menschen nur so grausam? Wieso lernen wir nicht endlich aus unseren Fehlern? Schon wieder driften meine Gedanken ins Negative ab. Die schwarze Silhouette, auch als meine Depression bekannt, hat sich mittlerweile neben mich auf das Bett gelegt. Gemeinsam liegen wir da und überlegen, wie es mit uns weitergehen könnte. Wenigstens sie verlässt mich nicht und hat schon sämtliche Gefühlsausbrüche von mir mitbekommen, ob ich mich nachts in den Schlaf weine oder stundenlang an die Decke starre, sie sorgt dafür, dass es mir in diesen Situationen schlechter geht. Na vielen Dank auch!
Selbst jetzt traue ich mich kaum unter Leute. Nicht nur wegen Corona. Meine Ängste stehen mir ebenfalls im Weg. Andauernd habe ich das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Viele Menschen haben leider kein Verständnis oder das richtige Einfühlungsvermögen für seelische Erkrankungen. Dabei hat uns die Pandemie alle stark mitgenommen und schlechte Seiten in uns hervorgerufen. Ein Leben danach scheint nur bedingt möglich zu sein. Haben wir etwas daraus gelernt? Nein. Statt Fortschritte gab es immer mehr Rückschritte. In Momenten wie diesen ist es wichtig, einander zu helfen. Einander die Hände zu reichen und gemeinsam gegen jegliche Widrigkeiten zu kämpfen. Mir persönlich ist es wichtig, anderen zu helfen. Ich habe kein Helfersyndrom oder so etwas, aber für mich ist das selbstverständlich. Umso härter trifft es mich, wenn ich alleine gelassen werde. Denn genau so fühlt es sich an. Da draußen geht es vielen anderen genauso. Jeder muss auf seine Weise mit den Folgen der Pandemie und des Krieges zurechtkommen. Mir bereitet letzteres zusätzlich Sorgen. Für mich ist es schwierig in diesen Zeiten hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken, geschweige denn positive Worte zu finden. Bin ich eine geborene Pessimistin? Sehr wahrscheinlich. Stimmt ja gar nicht. Wir werden nicht böse geboren, wir werden so gemacht. Von unserem Umfeld, unserer Familie, falschen Vorbildern und den Menschen, die uns am nächsten sind. Schlechte Erfahrungen und negative Erinnerungen bleiben uns eher im Gedächtnis. So auch die der letzten Monate.
Müdigkeit überkommt mich, obwohl draußen die Sonne scheint und die Vögel fröhlich vor sich hin zwitschern. Ich muss schon sagen, es ist unglaublich anstrengend, meinen eigenen Gedanken zuzuhören und mich mit ihnen auseinander zu setzen. Gedanken, die sich mit Dingen beschäftigen, auf die ich keinen Einfluss habe. Während meiner Corona Erkrankung war ich zehn Tage in Quarantäne. Ja, ich habe mich tatsächlich damit infiziert, obwohl ich mich so gut es ging an alle Schutzmaßnahmen gehalten habe. Ich hatte trotz der drei Impfungen leichte Erkältungssymptome und bin zu meiner Überraschung ruhig geblieben. Es ist schon ein Unterschied, ob ich freiwillig zu Hause bleibe und elendig dahinsieche oder die Möglichkeit habe nach draußen zu gehen, wann ich möchte, es aber aufgrund der Quarantäne nicht darf. Draußen war andauernd schönes Wetter und ich stand kurz vor einem Lagerkoller. Wenn man krank ist, möchte man gerne jemanden um sich herum haben. Jemanden, der sich sorgt und für dich da ist. Sei es nur der Anwesenheit drum. Komplett alleine und einsam zu sein, macht die Situation nicht angenehmer. Meine Arme sind von weiteren Narben gezeichnet. Ich muss diesem Druck einfach nachgeben, wenn mir alles zu viel wird. Ich freue mich jeden Tag auf den Abend, weil ich dann endlich wieder schlafen gehen kann. Das ist tatsächlich eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Traurig aber wahr.
Mir macht zudem die Kriminalität in meiner Heimatstadt Angst. Jugendliche, die andere beklauen, bedrohen, belästigen und angreifen. Ich fühle mich unwohl und meide bestimmte Orte. Am liebsten würde ich meine Wohnung überhaupt nicht mehr verlassen, aber ich muss. Ich kann so nicht mehr weitermachen. Ich darf mich nicht auch noch auf diese Weise einschränken lassen. Haben wir nicht alle ein wenig die Kontrolle über unser Leben verloren? Mein Herz wiegt schwer in dieser Zeit. Ich sehne mich danach, umarmt zu werden. In guter Gesellschaft zu sein. Nicht mehr einsam sein zu müssen und jemanden zu haben, der für mich da ist. Eine intakte Familie zu haben. Bei diesem Gedanken spüre ich wieder diesen Stich in meiner Brust. Ich muss mich damit abfinden, dass ich niemals eine haben werde.
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